Ergotherapeuten und Inklusion

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Leben mit Rollstuhl
Leben mit Rollstuhl
Bild: © DVE

Karlsbad-Ittersbach (kobinet) Die Bemühungen, Menschen mit Behinderung zu integrieren, Inklusion zu leben, sind vielfältig. Doch wo steht Deutschland in diesem Prozess? Die Ergotherapeutin Azize Kasberg vom Verband Deutscher Ergotherapeuten (DVE) stellt dazu fest: „Wir haben eine integrative Gesellschaft, der Zustand der Inklusion ist noch lange nicht für alle erreicht.“Ihr Fazit lautet: Es gibt Erfolge und Veränderungen. In Kindergärten und Schulen, in Werkstätten und anderen Einrichtungen bis hin zu wenigen Vorzeigeunternehmen. Doch unterm Strich gibt es noch viel zu tun.

Es ist ein großes Aufgabengebiet, Menschen mit Behinderung ebenso wie ihr Umfeld vorzubereiten und zu gestalten. Auf die Frage: Kann Inklusion einfach sein? sagt Azize Kasberg: „Ja. - wenn alle mitmachen. Dann geht es leichter.“ Die Ergotherapeutin befasst sich vorwiegend mit dem Thema Behinderung. Inklusion und das Einbeziehen von Menschen mit Behinderung sind ihr wie eigentlich eine Herzensangelegenheit. Voller Begeisterung berichtet sie von Projekten und Menschen, die zeigen, welch positive Wirkung gelebte Inklusion hat– auf die Menschen mit Behinderung ebenso wie auf ihr Umfeld. Inklusion braucht Fördernde, … Es sind Viele: Immerhin fast jeder zehnte Mensch in Deutschland ist schwerbehindert, also mit einem Grad der Behinderung von 50 bis 100%. Nur die wenigsten, nämlich lediglich vier Prozent aller Betroffenen, haben ihre Behinderung von Geburt an.

„Diese Fakten hat man nicht sofort vor Augen.“, bestätigt Kasberg. Aus diesem Grund kommt Unternehmen eine besonders wichtige Rolle bei der Inklusion erwachsener Menschen mit Behinderung zu. „Bei weit über 80% geht die Behinderung auf eine Krankheit zurück.“, fährt sie fort und erklärt weiter, dass Viele durch ihre Erkrankung aus ihrem Berufsleben gerissen wurden und dorthin auch gerne zurückkehren wollen. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und demografischer Entwicklung sind Firmen mittlerweile verstärkt an eingearbeiteten, qualifizierten Fachkräften interessiert. Häufig rufen sie dann Ergotherapeuten auf den Plan, die sich um die berufliche Wiedereingliederung kümmern. Menschen mit einer Behinderung steht ebenso wie dem Unternehmen, das sie beschäftigt, Unterstützung auf mehreren Ebenen zu. Gibt es beispielsweise Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, kommen so genannte Job-Coaches, die häufig einen ergotherapeutischen Background haben, zum Einsatz. Das Besondere: Job-Coaches arbeiten erst einmal selbst mit, lernen die Prozesse kennen, packen mit an und haben somit eine große Akzeptanz im Unternehmen.

Wer sich mit Inklusion und den Besonderheiten und Befähigungen von Menschen mit Behinderung befasst, kann auch die Chancen der Inklusion erkennen. Mittlerweile reifen Geschäftsideen, die es vorher nicht gab: So gibt es inzwischen beispielsweise in der IT-Branche Unternehmen, welche die besonderen Begabungen von Menschen mit einer leichten Autismus-Spektrum-Störung, dem Asperger-Syndrom, zum Geschäftsmodell machen. Menschen mit Asperger-Syndrom zeichnen sich durch ihre große Leidenschaft für ihr Spezialgebiet aus, sind dabei sehr detailgenau und schnell, auch bei komplexen Aufgabenstellungen. Doch nicht nur, weil sich ihre Dienstleistungen bei höchster Qualität rechnen, prosperieren solche Unternehmen. Die Kunden unterstützen aktiv den Integrationsprozess und gehen sogar so weit, sich durch Ergotherapeuten in Sachen Umgang und Kommunikation mit den autistischen Geschäftspartnern beraten und schulen zu lassen. Denn eines ist klar: Inklusion ist nur dann einfach, wenn sich das Umfeld bei der Vorbereitung und Anpassung professionell beraten und unterstützen lässt. Dieser Prozess muss begleitet werden, damit das Miteinander gelingt.

Inklusion ist ein Imagegewinn und verbessert das Arbeitsklima Gleiches gilt bei der Übernahme und Integration von Mitarbeitenden aus Werkstätten. Denn es findet dabei eine Öffnung statt. Immer mehr Unternehmen bieten sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze an, anstatt die Werkstatt als Dienstleister zu beauftragen. Der zielgerichteten Unterstützung von Spezialisten wie Ergotherapeuten ist es zu verdanken, dass das Ganze zum Erfolg führt. Indem sie die Rahmenbedingungen prüfen, den Einstieg mit möglichst wenig Reibungsverlusten gestalten und insbesondere die Menschen mit einer Behinderung befähigen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu artikulieren.

Es hat sich gezeigt, dass – bestärkt durch diese Haltung von Menschen mit Behinderung – auch andere stärker auf ihre Selbstwahrnehmung und eigenen Stärken und Grenzen achten. Und ein neues Bewusstsein für körperliche oder psychische Belastungen und die Möglichkeiten der Entlastung entwickeln. In Summe entsteht mehr Bewusstheit, mit Beeinträchtigen oder belastenden, Stress verursachenden Situationen umzugehen. Das „wie“ macht den Unterschied. 

„Es ist ein ergotherapeutisches Grundverständnis, sich auf die Fähigkeiten und Ressourcen der Klientel zu fokussieren.“, erläutert die Ergotherapeutin Kasberg. Ergotherapeuten lenken die Aufmerksamkeit auf das, was jemand kann. Was bedeutet, dass nicht die Krankheit oder in diesem Fall die Behinderung des Menschen im Vordergrund steht, sondern seine Begabungen und Fertigkeiten. Und die fördern Ergotherapeuten, so dass die Betroffenen Defizite, die durch eine Erkrankung oder eine Behinderung da sind, kompensieren können. Und dadurch das, was sie tun, erfolgreich tun. Konsequent im Positiven zu bleiben, Handlungskompetenzen zu erweitern, die Autonomie zu fördern und die Menschen in ihrem Handeln zu bestärken: das sind die Motivatoren, die Ergotherapeuten nutzen, um eine nachhaltige, dauerhafte Wirkung zu erzielen.

Lesermeinungen zu “Ergotherapeuten und Inklusion” (4)

Von Behindert_im_System

@Von Speedwheel
Zitat:

"Inklusion ist ein Prozess der gewollt sein muss und stetig in der Entwicklung voran schreitet, denn der Stand von heute, erfüllt keinesfalls die Wünsche von Morgen."

Man sagt immer Politik ist eine Hure mit der jeder macht was er will. Wir sollten darauf achten und das sehr genau, dass dieser Spruch nicht zur Wirklichkeit der Inklusion wird, oder was viele darunter verstehen.

Von Speedwheel

Inklusion ist ein Prozess der gewollt sein muss und stetig in Entwicklung ist. Es ist eine Utopie zu glauben, dass diese in wenigen Jahren vollkommen erreicht ist. Vor allem spielen die Interessen der Großkonzerne für Politiker immer noch eine größere Rolle als die von Randgruppen. Selbst die SPD hat es nicht fertig gebracht, die private Wirtschaft zu Barrierefreiheit zu verpflichten. Auch für die kommende Zeit sehe ich da eher schwarz. Es bleibt also abzuwarten was auf uns zukommt.

Von rgr

Verbandsvertreter konsequent fordern und fördern



Lieber Hartmut Smikac

Wenn Du ein Interview mit Vertretern der Politik führst, dann musst Du auch die Defizite dieses Personenkreises fest im Auge haben. Weil es denen an Kampferfahrungen mangelt, reproduzieren die sonst nur kurze Clips aus Erzählungen und Postulaten, die man anderso auch schon mal ausführlicher gehört hat.

Du mußt ihnen mit geschlossenen Fragen unter die Arme greifen. Wenn Du mal nicht vorbereitet bist, dann frag einfach: "Und was läuft Scheiße?" Oder Du fragst, was der Verband im Interesse seiner Mitglieder erreichen möchte.


Ich hab mich mal gefragt, was Du gefragt hast. Und dabei sind vier Fragen erkennbar:

- Wo steht Deutschland in diesem Prozess?
- Kann Inklusion einfach sein?
- Hat man diese Fakten sofort vor Augen?
- Ist es ein ergotherapeutisches Grundverständnis, sich auf die Fähigkeiten und Ressourcen der Klientel zu fokussieren?

Die Antworten sind ...

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

„Wir haben eine integrative Gesellschaft, der Zustand der Inklusion ist noch lange nicht für alle erreicht.“Ihr Fazit lautet: Es gibt Erfolge und Veränderungen. In Kindergärten und Schulen, in Werkstätten und anderen Einrichtungen bis hin zu wenigen Vorzeigeunternehmen.

Zitat-Ende

Wie darf man das verstehen?
Soll uns das sagen, dass in (!) Werkstätten und anderen Einrichtungen Erfolge auf dem Weg zur Inklusion zu verzeichnen wären?
Inklusion innerhalb von Sondereinrichtungen?



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