Mit 54 im Seniorenheim

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Winfried Glosser
Winfried Glosser
Bild: Winfried Glosser

Ingolstadt (kobinet) Seit November 2013 ringt der 54jährige Winfried Glosser mit dem Bezirk Oberbayern und der Stadt Ingolstadt darum, dass er die Assistenz finanziert bekommt, die er benötigt, um selbstbestimmt in seiner eigenen Wohnung leben zu können. Auf seinen Antrag auf ein Persönliches Budget bekam er zwischenzeitlich Recht vor dem Sozialgericht München und fand einen Ambulanten Dienst, der in Vorleistung ging und die Assistenz erbrachte. Wegen des Berufungsverfahrens musste er dann zwischenzeitlich zur Kurzzeitpflege in ein Heim bzw. sich auf polnische Assistenzkräfte einlassen, bis ihn der fortwährende Rechtsstreit beim Bayerischen Landessozialgericht letztendlich im April 2017 zwang, in ein Seniorenheim 20 km entfernt von seiner Heimatstadt zu ziehen.

So lässt sich die Odyssee zusammenfassen, die Winfried Glosser seit nunmehr über vier Jahre durchmacht und ihn nun letztendlich in ein Seniorenheim zwang, in dem er sich nicht nur Fehl am Platze fühlt, sondern ganz erhebliche Einschränkungen seiner Lebensqualität hinnehmen muss. Seine Wohnung konnte er bisher noch halten, aber wie lange das noch möglich ist, weiß er nicht. Wenn er diese einmal verloren hat, dann wird es aufgrund der geringen Anzahl barrierefreier Wohnungen noch schwieriger für ihn, in ein Leben außerhalb einer Einrichtung zurückzukehren. Deshalb hofft er auf schnelle Hilfe, wie er in einem Gespräch mit den kobinet-nachrichten deutlich gemacht hat, damit das Seniorenheim für ihn im Alter von 54 Jahren nicht zur Endstation wird.

Wenn man mit Winfried Glosser spricht, wird schnell deutlich, was die letzten Jahre des Kampfes um eine menschenwürdige Assistenz und der nunmehr schon fast neunmonatige Heimaufenthalt mit ihm gemacht hat. „Ich wurde in dieser Zeit an verschiedenen Stellen psychisch und körperlich unter Druck gesetzt und musste viel einstecken, weil ich nicht die richtige Unterstützung bekam. Deshalb musste ich mich letztendlich zwangsläufig dafür entscheiden, in ein Heim zu gehen. Ich möchte hier aber unbedingt schnell wieder raus und in meine eigene Wohnung mit der passenden Assistenz ziehen. Denn der Heimaufenthalt bedeutet für mich erhebliche Einschränkungen: ich komme hier erst sehr spät zum Frühstück und habe feste Toilettenzeiten. Mein Gesundheitszustand hat sich nicht zuletzt aufgrund des Stresses dieser belastenden Situation dermaßen verschlechtert, so dass ich beim Essen schon erhebliche Schwierigkeiten habe und es mir oft sehr schlecht geht", schildert Winfried Glosser seine derzeitige Situation im Gespräch mit den kobinet-nachrichten. Dabei versteht er nicht, dass das, was in anderen Städten wie München schon Standard ist, in Ingolstadt so schwierig ist – nämlich, dass behinderte Menschen die Assistenz bekommen, die sie brauchen, um in den eigenen vier Wänden leben zu können.

Bei dem Rechtsstreit, durch den Winfried Glosser letztendlich nicht die Assistenz bekommt, die er benötigt, um selbstbestimmt in seiner eigenen Wohnung leben zu können, geht es u.a. um den Mehrkostenvorbehalt, der im Sozialhilferecht nach wie vor gilt und der trotz heftiger Proteste im Bundesteilhabegesetz ab 1. Januar 2020 weiterbestehen wird. Die Stadt Ingolstadt argumentierte beispielsweise in ihrer Stellungnahme an das Sozialgericht München mit dem Kostenvergleich „einer angemessenen und geeigneten stationären Einrichtung" im Vergleich zu den Kosten für die ambulante Pflege, die wesentlich höher sind. Für Winfried Glosser hat dies zur Folge, dass er aufgrund der verweigerten Hilfen nun im Alter von 54 Jahren in einem Seniorenheim leben muss. Er hatte zwischenzeitlich versucht, seine 24-Stunden-Assistenz durch eine polnische Pflegekraft zu bestreiten, was aber schief ging und für ihn menschenunwürdig war, weil jeweils nur eine Person zur Verfügung stand. Ähnliche Erfahrungen mit dem Heim als einzige Alternative musste vor einigen Jahren Matthias Grombach machen, der sich nur mühsam und über Jahre hinweg wieder aus dem Heim herauskämpfen und sich ein selbstbestimmtes Leben in seiner eigenen Wohnung mit der nötigen Assistenz aufbauen konnte.

„Ich hoffe, dass es bei mir schnell geht, dass ich wieder in meiner Wohnung leben kann, denn ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Mein Zustand verschlechtert sich durch diesen Stress bei meiner MS zusehends, meine Hände kann ich immer weniger benutzen und ich möchte nicht bettlägerig werden", erklärte Winfried Glosser, der auf schnelle Hilfe vonseiten der Politik und Verwaltung hofft, um langfristig die Kostenerstattung zu bekommen, die er braucht, um seine Assistenz entsprechend zu Hause organisieren zu können. Mittlerweile hat er gehört, dass es anderen behinderten Menschen im Raum Ingolstadt ähnlich gehen soll, mit denen er nun Kontakt aufnehmen möchte, um gemeinsam für die Rechte zu streiten.