Ein Studium kommt für Sie nicht in Frage

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Bild von Grit Kühlborn
Bild von Grit Kühlborn
Bild: Grit Kühlborn

Jena (kobinet) "Ein Studium kommt für Sie nicht in Frage", das bekam Grit Kühlborn bei der Berufsberatung zu hören. Heute hat die gehbehinderte Frau nicht nur ihr Studium abgeschlossen, sondern arbeitet als Referentin bei der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL). kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Grit Kühlborn über ihren Werdegang und ihre Erfahrungen.

kobinet-nachrichten: Seit gut einem halben Jahr sind Sie nun als Referentin bei der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) in Jena beschäftigt. Hätten Sie sich das vor einigen Jahren träumen lassen, als Sie bei der Berufsberatung waren?

Grit Kühlborn: Nein, absolut nicht. Mir war lange Zeit gar nicht klar, dass man mit Stärken in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern Referentin werden kann. Aus irgendeinem Grund verband ich den Job Referent mit einem vorausgesetzten juristischen oder betriebswirtschaftlichen Abschluss und damit mit zwei Studienrichtungen, die für mich aufgrund meiner Interessen nie in Frage kamen. Bei der Berufsberatung war man anfangs sogar ganz pauschal der Meinung, ein Studium käme für mich nicht in Frage. Schluss. Aus. Ende der Diskussion.

kobinet-nachrichten: Welche Erfahrungen haben Sie damals genau bei der Berufsberatung gemacht?

Grit Kühlborn: Ich bin in meinem Leben insgesamt dreimal in der Berufsberatung gewesen. Mal mehr, mal weniger freiwillig. Einmal – Januar bis März 2015 - war es ein Angebot der Uni Bielefeld, an der ich damals mein Masterstudium absolviert habe. Das war von den drei Erfahrungen die einzig Positive. Dort wurde konstruktiv und auf Augenhöhe mit mir mein Potential analysiert. Meine eigenen Vorstellungen wurden stets berücksichtigt, ohne die Schwierigkeiten, die die Jobsuche insbesondere mit einer Behinderung haben kann zu verschweigen. Ich fühlte mich respektiert, ernstgenommen und gesehen – gesehen wie ich mich sah: eine junge Frau, die viel mehr ist als ihre Einschränkung.

Die beiden anderen Beratungen erfolgten durch Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit. Beide Male war es für mich ein absoluter Tiefschlag. Mit 16, kurz vor dem Ende der 10. Klasse, wurde mir bei der Beratung durch das Berufsinformationszentrum mit Verweis auf meine Schwerbehinderung zuerst zu einer Ausbildung geraten, obwohl ich gute bis sehr gute schulische Leistungen und das Abitur schon seit der 5. Klasse fest im Blick hatte. Nachdem ich die Mitarbeiterin mit großer Mühe davon überzeugen konnte, dass ich mir sicher war, ein Studium erfolgreich absolvieren zu können, riet sie mir zum Studiengang Übersetzen/Dolmetschen. Den Vorschlag fand ich nicht schlecht, schließlich liebe ich Sprachen. Was mich allerdings innerlich auf die Palme brachte und die Idee relativ schnell wieder verschwinden ließ, war die Begründung der Mitarbeiterin für ihren Vorschlag: "Damit können Sie allein von zu Hause arbeiten." Ich dachte ich höre nicht richtig, denn wenn ich eines im Gespräch deutlich gemacht hatte, dann, dass ich nicht in die Richtung wollte in die die Überlegungen der Mitarbeiterin gingen. Ich wollte in ein Team, einen Kreis von Kolleg*innen mit der Chance auf soziale Kontakte und den Austausch! Nicht in die Separation und gewissermaßen Isolation! An dem Punkt bin ich damals aufgestanden und nach einer knappen Verabschiedung gegangen.

Das dritte Erlebnis war keine Berufsberatung, es war der richtige Auftakt meiner Jobsuche im Februar 2017. Ich war auf den Tag genau 26 Jahre alt. Nachdem ich beim ersten Termin bei der Bundesagentur an das Reha-Team verwiesen worden war, saß ich nun also dem zuständigen Mitarbeiter gegenüber. Ehrlich gesagt sind mir neben dem Hinweis auf die Online-Angebote der Bundesagentur für Arbeit und weitere seriöse Jobsuche-Plattformen drei Aussagen in Erinnerung geblieben: "Unabhängig von der Arbeitsmarktlage hat die Arbeitsagentur immer sehr, sehr wenige Angebote für behinderte Akademiker." "Stellen Sie sich mindestens auf eine Jobsuche von anderthalb Jahren ein." "Sie sind nicht nur behindert und akademisch ausgebildet. Sie sind außerdem auch noch eine Frau." Mit Blick auf diese letzte Aussage wäre ich damals gern schlagfertig genug gewesen, um zu antworten: "Gut beobachtet: Ich bin behindert. Ich bin eine Akademikerin. Und ich bin eine Frau. Ich denke gar nicht daran, mich auch nur für eine dieser Tatsachen zu entschuldigen." Tatsächlich war ich zu geschockt, um auf die Worte des Mitarbeiters reagieren zu können. Geschockt, obwohl ich durch meine Masterarbeit bereits Zahlen und Fakten zur Erwerbstätigkeit schwerbehinderter Menschen einschließlich des auch dabei vorhandenen Unterschieds zwischen den Männern und Frauen kannte.

kobinet-nachrichten: Was hat Sie motiviert, trotzdem Ihre Ziele zu verfolgen und sich nicht entmutigen zu lassen?

Grit Kühlborn: Ich komme aus einer Akademikerfamilie. Das heißt ich wusste sehr früh, was ich wollte: meinen eigenen akademischen Abschluss, einen Job und die damit verbundene Unabhängigkeit. Mir wurde zu Hause stets vermittelt, dass das nicht etwa eine Spinnerei, sondern ein absolut berechtigtes und erreichbares Ziel war und ist.  Oder wie meine Oma es immer formuliert, wenn ich mal wieder zweifele und grübele: "Deine Beine funktionieren nicht ganz so wie sie sollen, aber das hast mit Unterarmstützen hingekriegt. Was aber funktioniert ist dein Kopf und das ist die Hauptsache." Durch diese von mir früh verinnerlichte Überzeugung war es letztlich glaube ich in jeder der beschriebenen Situationen eine Kombination aus eigener Überzeugung, Wille, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und einem gewissen Maß an Trotz. Alles in allem wohl immer eine "Jetzt erst recht!"-Einstellung. Zur Wahrheit gehört aber an dieser Stelle auch, dass ich nach solchen negativen Erlebnissen immer ein paar Tage brauchte und bis heute brauche, um das zu verdauen und mich wieder aufzurappeln. Zu einer Kollegin meinte ich diesbezüglich erst vor Kurzem: "Nicht jedem ist klar, wie viel Kraft es kostet, sich selbst wieder aufzubauen. Und zwar immer und immer wieder."

kobinet-nachrichten: Was empfehlen Sie anderen behinderten Menschen, denen erst einmal wenig zugetraut wird?

Grit Kühlborn: Ich bin absolut kein Fan davon, anderen Menschen Ratschläge zu geben. Aber aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Man muss selbst an sich und seine Ziele glauben. Wichtig war für mich außerdem immer, Menschen in meinem Umfeld zu haben, die auch an mich glaubten – vor allem in den Momenten, in denen mir das selbst schwerfiel. Außerdem braucht man einen langen Atem und ein dickes Fell. Tiefschläge von Anfang an einzukalkulieren, hat ihnen schon einiges an Wucht genommen, wenn sie mich dann trafen. Darüber hinaus ist es nie verkehrt, sich umfassend zu informieren – über die eigenen Rechte, Unterstützungs- und Beratungsangebote sowie die diversen Möglichkeiten, die es gibt, um die eigenen Ziele zu erreichen. Jedes "Das war schon immer so", jedes "das muss so sein", jedes "das geht nicht" bzw. "das geht nicht anders" kann und sollte man hinterfragen.

kobinet-nachrichten: Und was würden Sie sich von der Agentur für Arbeit und den BerufsberaterInnen wünschen?

Grit Kühlborn: Ich wünsche mir, dass der Einzelne unvoreingenommen gesehen wird, ohne dass in bestimmten Bahnen, Kategorien oder Schubladen gedacht wird. Ich wünsche mir einfach, dass der einzelne behinderte Mensch mit seinen Wünschen und Zielen, aber auch der Einschätzung seiner eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten ernstgenommen wird, statt diese in Abrede zu stellen, wie es bei mir der Fall gewesen ist.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.