Berufsausbildung inklusiv?

Veröffentlicht am von Franz Schmahl

Valentin Aichele
Valentin Aichele
Bild: Irina Tischer

Berlin (kobinet) Angesichts der Koalitionsverhandlungen empfiehlt das Deutsche Institut für Menschenrechte, die allgemeine Berufsausbildung so zu gestalten, dass mehr Menschen mit Behinderungen eine anerkannte Berufsausbildung abschließen können. "Die Politik sollte die Voraussetzung für eine inklusive berufliche Bildung schaffen", sagte heute Valentin Aichele, Leiter von dessen Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention "Nur wer eine anerkannte Berufsausbildung abschließt, hat reelle Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt."

Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen haben derzeit nicht dieselben Chancen auf Zugang zur allgemeinen berufliche Bildung wie Nichtbehinderte. Rund 40 Prozent der Auszubildenden mit Behinderungen absolvieren Sonderausbildungen in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen, die nicht an die betriebliche Praxis angeschlossen sind. Diese Abschlüsse haben auf dem regulären Arbeitsmarkt den Nachteil, dass Arbeitgeber sie oft nicht einordnen können. Dabei zeigen positive Beispiele, dass Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt besonders dort gelingt, wo Auszubildende mit Behinderungen früh in die betriebliche Praxis eingebunden sind.

"Damit Auszubildende mit Behinderungen aus der gesamten Palette der anerkannten Ausbildungsberufe wählen können, müssen Ausbildungsgänge, insbesondere Curricula, flexibel auf sie zugeschnitten und ihnen die nötige Unterstützung zur Verfügung gestellt werden", stellt Aichele klar. In der Praxis würde aber zum Beispiel zu oft noch schematisch darauf gepocht, dass alle die gleichen formalen Anforderungen erfüllen. Dies könne Menschen wegen ihrer Behinderung ausschließen.

Lesermeinungen zu “Berufsausbildung inklusiv?” (3)

Von kirsti

Liebe Frau Maubach,
die „reellen“ Voraussetzungen zur Berufsausbildung sollen von Dr. Aichele meiner Interpretation nach nicht thematisiert werden. Denn sie sind so, wie Sie es beschrieben haben.

Es geht aus meiner Sicht alleine darum, dem hochgelobten „Budget für Arbeit“ des BTHG einen Gegenpol entgegenzusetzen. Und das BTHG ist nach Ansicht der Behindertenverbände und der Behinderten selbst die konkrete Umsetzung der UN- BRK. Dies bedeutet Behinderten im Allgemeinen – wenn man es so platt ausdrücken darf - steht allenfalls, wenn sie denn die WfbM verlassen wollen, ein „Budget für Arbeit“ zur Verfügung. Und dieses Budget für Arbeit enthält nun mal den Passus, dass Berufsausbildung ausgeschlossen ist. Auf diesen Aspekt alleine will ich hinweisen. Denn es bedeutet in der gesamten Tragweite, dass die nun im Land eingerichteten Beratungsstellen etc. mit ihrem Budget für Arbeit als Umsetzung der UN-BRK werben.

Auf diese schiefe Sichtweise und diese Richtung, in die man nunmehr Behinderte drängt und sie ansiedelt, ist eine Perspektive auf Behinderte hinab. Behinderte Menschen bleiben außen vor, ihnen gebühren niemals die gleichen Rechte wie Nicht- Behinderten. Dies kommt m.M. sehr gut mit dem Budget für Arbeit zum Ausdruck; unabhängig davon, ob es nun in der Praxis umgesetzt wird oder nicht.

Es geht um Theorie und Praxis. Und Recht und Unrecht. Das Budget für Arbeit ist ein gutes Beispiel dafür, wieviel ein Mensch mit Behinderung der Gesellschaft wert ist. Es geht mir alleine um die falschen Tatsachenbehauptungen beim Budget für Arbeit und den hieraus folgenden Etikettenschwindel. Und dies ist eine Sache des Prinzips und des Rechts.

Von Gisela Maubach

Zitat aus dem Beitrag:

"Die Politik sollte die Voraussetzung für eine inklusive berufliche Bildung schaffen".

Dazu ist festzustellen, dass eine berufliche Bildung grundsätzlich nicht inklusiv sein kann, weil auch Menschen existieren, die aufgrund der Art und der Schwere ihrer Behinderung niemals eine berufliche Bildung erreichen können.

Daher kann man bei beruflicher Bildung allenfalls von Integration sprechen, denn bei Inklusion müssten ja alle (!) Menschen einbezogen werden - auch diejenigen, die gänzlich erwerbsunfähig sind.

Von kirsti

Den Forderungen von Herrn Dr. Aichele stimme ich zu. Die Möglichkeit einer Berufsausbildung für behinderte Menschen ist im „Budget für Arbeit“ des BTHG nicht vorgesehen, stattdessen lediglich die „Rückkehr in die WfbM“ bei Kündigung aus betriebsbedingten oder anderen Gründen. Somit entfällt auch das Arbeitslosengeld I und/oder II. Erst eine Berufsausbildung, auch alleine die theoretische Möglichkeit hierzu anstelle des Budgets für Arbeit bedeutet echte Inklusion für Menschen mit Behinderung, die diesen Namen auch verdient.

Man sollte bei jeder Beratung und in jeder Beratungsstelle ehrlich mit den Begrifflichkeiten umgehen. Das Budget für Arbeit bietet neben den vorgeblich „schönen“ Seiten vor allem den Nachteil, keine Inklusion im Sinne der UN-BRK zu sein. UN-BRK heißt mit vollem Namen „UN- Behindertenrechtkonvention“ mit der Betonung auf Recht. Die Begeisterung für ein Alibi- Projekt wie es das „Budget für Arbeit“ darstellt, kann ich nicht teilen. Wer Gleichstellung mit nicht-behinderten Menschen fordert, muss aus Prinzip das Budget für Arbeit als Etikettenschwindel ablehnen. Das Budget für Arbeit behandelt Behinderte weiterhin als Menschen zweiter Klasse.

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