Berichterstattung über psychische Erkrankungen

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

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Bild: kobinet/ht

Erfurt (kobinet) Im Rahmen ihres Qualifizierungsprogrammes für Medienschaffende lud die Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) am 24. Januar zu einem Hintergrundgespräch zum Thema "Berichterstattung über psychische Erkrankungen und Suizide", an dem über 30 Zeitungsredakteure und Rundfunkjournalisten aus Thüringen teilnahmen. Die sehr hochkarätig besetzte Veranstaltung war eine Kooperation mit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung.

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, referierte über das Krankheitsbild Depression und über Suizide in Deutschland. Fast 90 Prozent der Selbsttötungen erfolgen vor dem Hintergrund einer oft nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression. "In der Depression geht der Glauben verloren, dass sich dieser leidvolle Zustand je bessern wird. In ihrer Verzweiflung sehen Menschen mit dieser schweren Erkrankung im Suizid den einzigen Weg, diesem unerträglichen Zustand zu entkommen. Den allermeisten Erkrankten kann mit professioneller Unterstützung gut geholfen werden. Den Medien kommt bei der Aufklärung über Symptome und Behandlungsmöglichkeit eine wichtige Rolle zu", erläutert Prof. Ulrich Hegerl.

Dr. Christian Gravert, Projektleiter Psychische Gesundheit bei der Deutsche Bahn Stiftung und Leitender Arzt der Deutschen Bahn, sprach über den Werther-Effekt: Nachdem in den Medien über eine Selbsttötung berichtet wird, besteht die Gefahr von Nachahmungstaten. Eindringlich schilderte er auch, was ein Suizid für den betroffenen Lokführer bedeutet. "Die beste Prävention ist Aufklärung über die Depression und eine verbesserte Versorgungssituation für Erkrankte."

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, deren Schirmherr Harald Schmidt ist, hat einen Medienguide "TAKE CARE – BE AWARE" (https://www.deutsche-depressionshilfe.de/presse-und-pr/berichterstattung-suizide)speziell für die Berichterstattung über Suizide herausgegeben.

Jochen Fasco, Direktor der TLM, betonte die Verantwortung der Medien und findet es wichtig, dass sich Redaktionen über Leitlinien – gerade bei so sensiblen Themen – verständigen. "Wir wollen die Zusammenarbeit mit der Deutschen Depressionshilfe besonders zu Fragen des Kinder- und Jugendschutzes sowie im Zusammenhang mit der Medienbildungsarbeit der TLM fortführen", heißt es in einer Presseinformation der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM).

Lesermeinungen zu “Berichterstattung über psychische Erkrankungen” (4)

Von Behindert_im_System

Zitat:

"Den Medien kommt bei der Aufklärung über Symptome und Behandlungsmöglichkeit eine wichtige Rolle zu", erläutert Prof. Ulrich Hegerl."

Wenn wir schon soweit sind, dass die Medien zum Sprachrohr der Mediziner werden, dann wird es bestimmt auch bald so werden, dass die Therapiepläne am Zeitungskiosk zu erhalten sind, fragt sich nur zu welchem Preis? Aber ein Trost verbleibt uns immer, die Apotheken-Umschau gibt es kostenlos!

Dr. Rehberger schreibt in seinem Buch " Messie-Sucht und Zwang" folgendes,

Zitat:

Die meisten Messies sind äußerlich unauffällig und nicht vermüllt, wie es in den Medien gern zur Schau gestellt wird. Es gibt viele Messies, die gar kein oder nur wenig äußeres Chaos haben!
Die Betroffenen (viele Akademiker) stehen oft oder standen im beruflichen Leben in verantwortlicher Position, müssen strukturiert und organisiert arbeiten.

Weiter schreibt er,

Messies sind ängstlich und unsicher, es können zusätzlich Depressionen, Alkoholprobleme, Kaufsucht, Arbeitssucht oder Ess-Störungen auftreten. Unserer Erfahrung nach handelt es sich bei den Ursachen um Bindungsstörungen (Messies sind unsicher-vermeidend gebunden), zu denen im Laufe der Zeit Traumata (u.a. sexueller oder emotionaler Missbrauch, Überforderung, Vernachlässigung, Ungeliebt sein, nicht einfühlsame Eltern mit erzieherischer Härte, das Gefühl, nicht angenommen zu sein) hinzukommen.

Wenn wie im ersten Satz meines Zitates Dr. Rehberger besonders die Medien erwähnt, wie will man dann einem derartigen Problem begegnen, wenn vielleicht gerade in den Medien welche sich nur für Schlagzeilen interessieren anscheinend, das innerste eines Menschen was man mit einer Bezeichnung " Depression" abtut, ausschlachtet?

Der Begriff Depression ist das Pünktchen aufs "i" die Krankheit entsteht ganz wo anders und dass sollte man in dieser Gesellschaft mal als oberste Priorität setzen und sich nicht für ein unfähiges Gesundheitssystem, die Medien zum Handlanger machen.

Von kirsti

P.S.
Zu 6:
Die Serie hieß „Tod eines Schülers“ – sorry, hatte sie falsch in Erinnerung. Sie wurde 1980 uraufgeführt. Und der lehrende Psychiater am ZI in Mannheim konnte anhand von Daten eindeutig eine Zunahme der Suizidtoten auf den Schienen nachweisen. Genutzt hat es anscheinend nichts! – Denn sie wurde 1981 sogar ausgezeichnet. Ich kann mich nur an die Aufregung unter den Psychiatern über diese Serie erinnern. Inwiefern Elternverbände damals involviert waren, weiß ich nicht.

Von kirsti

(Fortsetzung):
5. Die Frage stellt sich mir als letzte und dingliche, warum gerade Vertreter der Deutschen Bahn anwesend waren.
Ich beantworte sie selbst: Die Deutsche Bahn prozessiert gegen die Angehörigen von Suizidenten, die sich in suizidaler Absicht vor einen Zug geworfen haben. Und diese Prozesse reichen von Schmerzensgeld und/oder Berufsunfähigkeit der Lokführer über Verspätungen … bis zu allerhand unerträglichen „Kleinigkeiten“, die zusätzliches Leid für die Angehörigen bedeutet.
6. Zum „Werthereffekt“ folgende Bemerkung: Vor Jahren wurde im ZDF der Film „ Tod eines Jugendlichen“, der genau den Tod auf den Schienen behandelt, in mehreren Serien ausgestrahlt. Diese Sendung wurde erst nach mehr- mehrfacher Intervention eines Mannheimer Professors für Psychiatrie abgesetzt.

Von kirsti

Es ist lobenswert, wenn über das Thema „ Suizid“ in kobinet berichtet wird; dies als Vorspann!
Und es durchaus lobenswert, wenn über eine Veranstaltung zum Suizid berichtet wird, die „hochkarätig besetzt war“. Dass der Ort der Veranstaltung in Thüringen nicht erwähnt wird, ist eher nebensächlich.

Allerdings einige Anmerkungen:
1. Zur hochkarätigen Besetzung: aus der Berichterstattung in kobinet geht hervor, dass „nur“ Psychiater sowie Vertreter der Deutschen Bahn sowie 30 Zeitungsredakteure zugegen gewesen seien.
2. Daran schließe ich gleich die Frage an: Warum kein Vertreter*in der auch in Thüringen aktiven Selbsthilfeorganisation „Agus e.V.“ geladen war. Agus e.V. ist der Verein in Deutschland, der Angehörige um Suizid unterstützt. – In Analogie: Wir wollen ja auch nicht, dass Veranstaltungen ohne Beteiligung und/oder Anhörung von Behinderten über Behinderte sattfinden. Dies scheint mir eine Art der Entmündigung, die jeden Angehörigen um Suizid schmerzt.
3. Zur Terminologie: Man sollte sich in Andacht vor der Würde der Suizidenten und ihrer Angehörigen angewöhnen, nur von „Suizid“ und nicht von strafrechtlich belastetem Selbstmord oder wie im Artikel geschehen von „Selbsttötung“ zu reden. Dies scheint eine kleine terminologische Nebensächlichkeit, ist aber für Angehörige entscheidend. Sie selbst haben sich nach dem Tod ihres Angehörigen für den Begriff „Suizid“ entschieden. Dies erfordert Respekt –gerade in der Medienlandschaft.
4. Wesentlich scheint mir, dass nicht nur Depressionen, wie dargestellt, Ursache für einen Suizid sind. Alle Ursachen aufzuzählen, würde allerdings den Rahmen sprengen. Dennoch: Gerade die häufig verordneten Antidepressiva fördern durch Hyperaktivität den Entschluss und die Tat zum Suizid.

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