Behinderung erlebbar machen

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Ein-Hand-Frühstück geht nur mit Hilfe
Ein-Hand-Frühstück geht nur mit Hilfe
Bild: C. Rensinghoff

Witten (kobinet) In den vom Lehrbeauftragten Dr. Carsten Rensinghoff geleiteten Seminaren zum Thema "Peer Support - Behinderung erleben" der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke wurden vor einiger Zeit öffentliche Veranstaltung durchgeführt, welche den Studentinnen und Studenten Behinderungen erlebbar machen sollten. Eine dieser Veranstaltungen fand in der Shoppingmall der StadtGalerie in Witten statt. Kobinet sprach mit Carsten Rensinghoff über seine Erfahrungen mit derartigen Veranstaltungen. 

Kobinet: Studentinnen und Studenten zu zeigen und für sie erlebbar zu machen, wie "Menschen mit Behinderungen" unsere Welt erleben - welchen Stellenwert nimmt das in den von Ihnen geleiteten Seminaren ein ?

Dr. Rensinghoff: Ich biete dieses Seminar seit drei Semestern an der Fakultät für Studium fundamentale der Universität Witten/Herdecke an. An der dortigen Universität gibt es keinen behinderungsspezifischen Studiengang. Studierende aus den Studiengängen Medizin, Zahnmedizin, Psychologie oder Management beispielsweise äußern sich immer sehr positiv zu dieser Veranstaltung. Ihnen ist meine eigene Behinderungserfahrung und die hieraus erwachsenen Barrieren erkenntnisreich und von hoher Bedeutung!

Für das Seminar sind die Sichtweisen wichtig, die von den Studierenden aus den unterschiedlichen Studiengängen vorgetragen werden!

Kobinet: Wie reagieren Ihre Studentinnen und Studenten auf derartige Anforderungen und welches sind ihre wichtigsten Erkenntnisse nach dem Absolvieren dieser Übungen wie "Spiegelzeichnen", "Ein-Hand-Frühstück" dem Rollstuhl-Parcours ?

Dr. Rensinghoff: Das Spiegelzeichnen war für die Studierenden eine interessante Erfahrung. Eine Medizinstudentin bemerkt, dass die ersten Zacken beim Nachzeichnen eines Sterns gut gingen, man aber nach einiger Zeit nicht mehr wusste wo oben, unten, links oder rechts war.

Das Ein-Hand-Frühstück empfanden die Studierenden als anspruchsvoll, ungewohnt, nervenaufreibend, herausfordernd, spannend, eindrucksvoll und kompliziert.

Beim Rollstuhl-Parcours bemerkte beispielsweise ein Studierender des Managements das die Werbetafeln zu hoch aufgehängt sind. Auch der Kassenbereich sei für den Bezahlvorgang oft ungünstig. Er habe jedoch zu jeder Zeit Hilfe erfahren, was er positiv herausgestellt hat!

Kobinet: Wie wichtig ist Ihrer Erfahrung nach, dieses praktische Erleben von "Behinderung" ? Wäre es Hochschulen und Universitäten zu empfehlen, derartige praktischen Erfahrungen auch in ihre Ausbildungen einzubauen ?

Dr. Rensinghoff: Neben meines Engagements an der Fakultät für Studium fundamentale der Universität Witten Herdecke erteile ich im Fach Studium fundamentale an der Hochschule Zittau/Görlitz Seminare, in denen die Studierenden am eigenen Leib Behinderung erleben und diese Erfahrungen durch öffentliche Veranstaltungen an die Bevölkerung weitergeben. Ich halte es für ganz entscheidend, wenn in allen Studienrichtungen diese Erfahrungen gemacht werden. Das Studium generale beziehungsweise Studium fundamentale ist hierfür eine sehr gut geeignete Plattform!

Kobinet:  Die Übungen Ihrer Seminare haben auch im öffentlichen Raum einer Shoppingmall stattgefunden. Wie reagieren die Passanten, die Kunden der Mall oder auch das Management der Mall auf diese Veranstaltungen ?

Dr. Rensinghoff: Veranstaltungen im öffentlichen Raum sind Bestandteil eines jeden Semesters. In der Shoppingmall der StadtGalerie Witten, wo wir heuer zum dritten Mal die Kundinnen und Kunden haben Behinderung erleben lassen, ist das Centermanagement sehr positiv zu unserer Aktion eingestellt. Im Sommersemester 2017 haben sich die beiden Centermanager auch am Ein-Hand-Frühstück beteiligt und sich beeindruckt gezeigt.

Auch das Centermanagement im Citycenter Frauentor in Görlitz war sehr aufgeschlossen für das Engagement der Studierenden und hat uns zum Erleben von Behinderung, trotz Weihnachtsbetriebs, einen Platz für den Stand angeboten.

Kobinet: Gibt es Überlegungen dazu, wie Sie diese Arbeit des Verbindens von Studium und praktischen Übungen fortsetzen und eventuell auch ausbauen möchten ?

Dr. Rensinghoff: An beiden hochschulischen Standorten – also an der Universität Witten/Herdecke und an der Hochschule Zittau/Görlitz – erhalte ich im Sommersemester einen Lehrauftrag, um, wie beschrieben, im Studium fundamentale Behinderung aus der mir eigenen Behinderungserfahrung erlebbar zu machen. Im Studium fundamentale beziehungsweise generale ist es Studierenden fachrichtungsübergreifend möglich Behinderung aus der Perspektive der Disability Studies durch Peer Support und Peer Counseling zu erfahren, für sich und andere erlebbar zu machen und Verständnis für Behinderung zu entwickeln!

Kobinet: Die Leserinnen und Leser unserer Internetzeitung bekommen häufig ein Unverständnis für ihre Ansprüche zu spüren. Mit dem Weg, den Sie eingeschlagen haben, wird sich das sicherlich etwas besser werden. Wir möchten Ihnen für Ihre Arbeit deshalb alles Gute und viel Erfolg wünschen.

Lesermeinungen zu “Behinderung erlebbar machen” (5)

Von Gisela Maubach

Es stellt sich tatsächlich die Frage, warum der Personenkreis mit schwerster geistiger Behinderung regelmäßig nicht gemeint ist, wenn die Auswirkungen, die durch Behinderungen entstehen, thematisiert werden.

Das Extrem-Pooling, das durch die Vorrangigkeit von Leistungen entsteht, die nur durch Sondereinrichtungen erbracht werden können, wird ebenso wenig zur Sprache gebracht wie unsere Belastung als betreuende Angehörige.

"Nicht über uns ohne uns" wird für uns nicht ermöglicht - insbesondere auch von denen nicht, die es für sich selbst einfordern.
Überflüssigerweise wird uns (!) von denjenigen, die nicht selbst betroffen sind, ständig das Luxusproblem Wahlrecht angedichtet.

Insbesondere diejenigen laden wir als betroffene Angehörige gern ein, sich bei Besuchen einen Eindruck zu verschaffen, welche tatsächlichen Benachteiligungen viel dringlicher zu thematisieren wären. Ich stelle mich gern zur Verfügung, eine Umfrage zu starten, welche Familien bereit wären, dafür einen Einblick zu ermöglichen . . . und ich bin mir sehr sicher, dass dafür sehr schnell eine lange Liste entstehen würde . . .

Von Rosa

Ich kann Frau Maubach nur zustimmen und biete ebenfalls einen "Erlebnistag" an.

Von Gisela Maubach

@ Speedwheel

natürlich ist nicht jede Behinderung erlebbar.

Ich wollte mit meinem Hinweis auch nur deutlich machen, dass es (mal wieder) die gleiche Personengruppe ist, die regelmäßig nicht gemeint ist, wenn Behinderung thematisiert wird.

Offensichtlich muss man immer wieder darauf hinweisen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, damit auch mal nach Möglichkeiten gesucht wird, auch Menschen mit schwerster geistiger Behinderung in die Behinderten-Themen einzubeziehen.

Im vorliegenden Fall wäre es beispielsweise denkbar, dass diejenigen Menschen, die mal eine Behinderung "erleben" möchten, diese "Erfahrung" mal einen gesamten Tag als Begleitperson bei der Betreuung eines Menschen mit schwerster geistiger Behinderung (evtl. verbunden mit Epilepsie) "erleben".
Mein Sohn und ich würden z.B. für ein derartiges "Experiment" gerne zur Verfügung stehen.

Wenn diese Menschen, die nicht in der Lage sind, sich selbst mitzuteilen, endlich bewusst wahrgenommen würden, würden viele behindertenpolitische Themen sicherlich anders gestaltet.

Von Speedwheel

Es ist nicht jede Behinderung simulierbar. Auch wenn ich nur bedingt etwas von solchen Experimenten halte, so können sich diese Studenten wenigstens ansatzweise ein Leben mit Behinderung vorstellen. Ich wünschte mir, dass auch Architekten und andere Entscheidungsträger mal einen Tag ein solches Experiment mitmachen. Sie würden manche Entscheidungen nochmal überdenken.

Von Gisela Maubach

Es wäre sicherlich auch interessant zu erfahren, auf welche Weise eine schwere geistige Behinderung "erlebbar" gemacht werden könnte . . . bei der man z.B. nicht mitteilen kann, wann man zur Toilette müsste und deshalb mit Windeln versorgt werden muss . . . und/oder bei der man bei epileptischen Anfällen ohne Vorankündigung stürzt und sich verletzt . . . und bei der man nie gemeint ist, wenn das Thema Inklusion auf irgendwelchen Tagesordnungen steht . . .

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