In Berlin spricht jetzt auch die Bahn

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Stationsansage mittels Tablet
Stationsansage mittels Tablet
Bild: Andreas Süß

Berlin (kobinet) Wenn beim nächsten Besuch in Berlin einige Straßenbahnen der M4 und Busse auf der Linie 186 mit den Fahrgästen reden, sollte dies niemanden wundern. Denn ab dem 19. Februar 2018 testet die BVG für ein Jahr verschiedene Lösungen, blinden und sehbehinderten Menschen an Bus- und Straßenbahnhaltestellen akustische Fahrgastinformation in Echtzeit anzubieten. Dabei werden sowohl zehn Straßenbahnen und zehn Busse als auch 13 Haltestellen sukzessive ab 19. Februar bis Ende April 2018 mit akustischen Lösungen ausgestattet. Zudem werden Smartphone-basierte Lösungen getestet.

Das Projekt wird im Auftrag der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales durchgeführt und aus dem Landeshaushalt finanziert. Beim Thema Barrierefreiheit zählen die BVG, auch im internationalen Vergleich, schon heute zu den Vorreitern. 118 der 173 U-Bahnhöfe sind bereits mit Aufzügen oder Rampen für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste erreichbar, dazu kommen niederflurige Straßenbahnen und sich absenkende Busse. Bereits 121 U-Bahnhöfe sind dank Ansagen und taktilem Leitsystem barrierefrei für blinde und sehbehinderte Menschen. Ziel des jetzt startenden Projekts ist es, auch Busse und Straßenbahnen dem Zwei-Sinne-Prinzip folgend barrierefrei zu gestalten.

Vor allem an Mehrfachhaltestellen wird Bus- und Bahnfahren dank Ansagen des Echtzeitfahrplans für blinde und sehbehinderte Menschen zuverlässiger und einfacher. Denn hier ist der Fahrplan eng getaktet. Welcher Bus zuerst kommt und welcher wo zum Einsteigen anhält, entscheidet sich oft innerhalb weniger Momente. Die Herausforderung für die Anbieter, die sich am Test beteiligen, besteht also in der Flexibilität und Verlässlichkeit ihrer Produkte. Die zweite große Herausforderung ist die Frage der richtigen Akustik. Die Ansagen sollen für die Testpersonen laut genug und verständlich sein, zugleich aber für Anwohner der Haltestellen so leise wie möglich bleiben. Hierzu werden auch geräuschadaptive Lösungen getestet, also solche, die abhängig von der Geräuschkulisse des Umfeldes ihre Lautstärke regeln. Um diese Herausforderung zu meistern, wird ein Psychoakustiker den Modellversuch begleiten. Eine Gruppe aus blinden, sehbehinderten und sehenden BVG-Kunden wird in den kommenden zwölf Monaten die verschiedenen Lösungen testen.

Am Ende des Modellversuchs steht eine Handlungsempfehlung, wie das Zwei- Sinne-Prinzip bei Bus und Straßenbahn umgesetzt werden kann. Dr. Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb der BVG stellte in dem Zusammenhang fest: „Sich absenkende Busse, niederflurige Straßenbahnen, Aufzüge, Rampen und Leitsysteme für blinde und sehbehinderte Menschen in unseren U-Bahnhöfen, sind ein wichtiger Beitrag zum barrierefreien ÖPNV. Ich freue mich sehr, dass wir nun mit diesen Tests an einem weiteren Angebot zur Barrierefreiheit arbeiten. Ich bin gespannt darauf, welches System sich bewähren wird.“

Dazu ergänzt die Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Regine Günther, bei der Präsentation des Projektes: „Mobil zu sein, bedeutet, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Für alle Menschen ist es wichtig, dass sie öffentliche Verkehrsmittel ohne Hürden nutzen können. Der Abbau von Barrieren in U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bussen hat für mich daher eine hohe Priorität. Das Projekt ist hierbei ein weiterer wichtiger Schritt und kann den Alltag von Blinden und Sehbehinderten deutlich vereinfachen.“

Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales hob zugleich hervor: „Dies ist ein tolles Projekt mit großer Wirkung vor allem für sehbehinderte und blinde Menschen. Ich freue mich über die technische Innovation, die jetzt in die Testphase geht. Sie verspricht Tausenden Menschen mehr Mobilität und damit mehr Teilhabe. Berlin geht damit einen weiteren Schritt in Richtung Barrierefreiheit im ÖPNV.“ Und die Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Christine Braunert-Rümenapf ergänzt: „Die Möglichkeit, mobil zu sein, ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Von daher begrüße ich das Projekt sehr, denn die barrierefreie Nutzung des ÖPNV erfordert eine Informationsübermittlung, die mindestens zwei der drei Sinne Sehen, Hören und Tasten anspricht. Ebenso wichtig ist aber auch die Einbeziehung von blinden und sehbehinderten Menschen als Testende in eigener Sache. Nur sie können beurteilen, ob die vorgestellten Systeme die Anforderungen an Barrierefreiheit tatsächlich erfüllen und damit eine Verkehrsmittelnutzung jederzeit ohne fremde Hilfe und besondere Erschwernis ermöglichen.“

Die BVG leitet das Projekt in enger Abstimmung mit den Senatsverwaltungen sowie der Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung, dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin, dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem Verein PRO RETINA e. V., der Technischen Aufsichtsbehörde, dem Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO), dem Immissionsgutachter Berliner Schalltechnisches Büro sowie dem TÜV Rheinland.

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