Berlinale 2008 - Shine a light von Martin Scorsese
Veröffentlicht am von Kobinet
Von kobinet-Korrespondentin Anke Glasmacher
Berlin (kobinet) Mit dem Musikfilm "Shine a light" hat Erfolgsregisseur Martin Scorsese gestern die 58. Berlinale eröffnet. Hartgesottene Fans warteten schon seit dem Vormittag am roten Teppich vor dem Berlinale Palast auf die Hauptdarsteller: Die Rolling Stones. Mick Jagger übt offenbar selbst auf die heute 17-Jährigen noch eine große Faszination aus.
Warum geht man in einen Kinofilm über eine Rockband, die seit 46 Jahren auf der Bühne steht und wo der Leadsänger in diesem Jahr 65 Jahre alt wird? Weil es ein Film über die Rolling Stones ist? Das greift als Antwort zu kurz. Ich bin nicht mit den Rolling Stones aufgewachsen, mir fehlen da rund 25 Jahre Lebenserfahrung. Schon eher interessiere ich mich für die Filme von Martin Scorsese. Für seinen letzten Film "The Departed" hat er 2006 den lange ausstehenden Oscar erhalten. Jetzt also die Rolling Stones. Da treffen zwei Weltgrößen aufeinander.
Gefilmt hat Scorsese bei den beiden Konzerten der Stones im Herbst 2006 im New Yorker Beacon Theatre. 2.800 Plätze fasst das Theater - für die Verhältnisse der Rolling Stones ist das eine Wohnzimmer-Atmosphäre. Eröffnet wurde das Konzert von Bill Clinton, der Ehefrau und Schwiegermutter mitgebracht hat. Seine Eröffnungsworte: "Hallo, ich bin die Vorgruppe der Rolling Stones" wirken nicht unsympathisch, aber auch ein wenig unbeholfen. Manchmal gibt es noch etwas Größeres als einen amerikanischen Präsidenten.
Scorsese war mit seinen Kameraleuten ganz nah dabei und blieb doch immer unaufdringlich. Dafür sorgte schon eine gehörige Portion Selbstironie, mit der er seine Arbeit begleitete. Den vier Musikern - Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood - kommt man nicht näher. Das ist vielleicht die größte Leistung von Scorsese: Er interpretiert nicht, er fragt nichts, er überhöht die Stones auch nicht. "Shine a light" ist keine Hommage.
Zwischen den einzelnen Konzertteilen hat Scorsese Interviewausschnitte eingeblendet, die sich sehr gut in die Dramaturgie des Films fügen und nicht ohne Lacherfolg bleiben, wenn z.B. Mick Jagger in den Anfangsjahren der Stones von einem Journalisten gefragt wird, ob er sich vorstellen könnte, auch mit 60 Jahren noch auf der Bühne zu stehen, und der daraufhin in einer Zeit, in der alles der Jugend galt, mit einem ernsthaften "Klar!" antwortet.
Die Zuschauer erleben vier Männer, die 40 Jahre Erfolg überlebt haben und die seit über 40 Jahren zusammen arbeiten und sich immer noch etwas zu sagen haben. Topfit und durchtrainiert singen, tanzen und spielen Jagger, Wood und Richards mit einer Spielfreude auf der Bühne und Charlie Watts am Schlagzeug, als gelte es, das Publikum täglich neu zu erobern. Die Stones selbst sehen sich nicht als Kult. Obwohl sie es selbst bei einer Fangeneration sind, die während des Konzerts hauptsächlich mit dem Handy photographiert, statt Feuerzeuge oder Arme im Takt zu schwenken.
"Shine a light" ist ein guter Film, eine Dokumentation im besten Sinn. Und dort droht zugleich eine Schwäche, wenn er von der Dokumentation zum sich selbst genügenden Kunstfilm wird. Der Film, der das gesamte Konzert wiedergibt, ist mit zwei Stunden sehr lang, wenn man kein Stones-Fan ist. Irgendwann kennt man die Kameraeinstellungen und die Blickwinkel. Noch ein paar mehr dokumentarische Einspielungen wären ein Gewinn gewesen, insgesamt fehlte eine Geschichte, ein Thema, an manchen Stellen auch erklärende Hintergründe über historische Eckdaten der Gruppe. Denn wenn es nur darum geht, ein Konzert zu sehen, sollte man live dabei sein. Allemal bei den Rolling Stones. sch
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