In ungeahnten Sphären - eine besondere Entdeckung

Veröffentlicht am von Kobinet

Symbol: Mensch mit Blindenstock
Symbol: Mensch mit Blindenstock © Kobinet

Frankfurt am Main (kobinet) Der blinde Journalist Keyvan Dahesch, der seit vielen Jahren u.a. für die Deutsche Presseagentur, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau schreibt, berichtet auch immer wieder über das behindertenpolitische Geschehen für die kobinet-nachrichten. In einem Bericht schildert Jutta Bossecker dieses Mal ihre Erlebnisse, wenn sie mit Keyvan Dahesch als Begleitperson unterwegs ist. Jutta Bossecker ist u.a. Tandem-Pilotin des integrativen Vereins "Weiße Speiche" in Frankfurt am Main. omp

Bericht von Jutta Bossecker

Der Duft von gerösteten Mandeln und Maronen weht uns entgegen. Ihn umgibt Dunkelheit, mich umrahmt Romantik pur. Welch ein Anblick. Unzählige kleine einfarbige und bunte Lämpchen schmücken die vielen Holzbuden. Musik untermalt das Getuschel der Menschen. Menschen, die entweder langsam dahin schreiten oder in Gruppen zusammen stehen und sich an heißen Getränken wärmen. Historische alt anmutende Fachwerkhäuser grenzen diesen attraktiven Platz vor dem Römer ein. Viele Menschen zieht diese Atmosphäre scheinbar magnetisch an. Ich kann es mir nicht vorstellen, wie es auf ihn wirkt. Ich kann es nicht. Wir gehen langsam vorwärts und schieben uns hindurch. Andere wissen nicht um seine Probleme. Man erkennt es nicht sofort. Schon gar nicht in diesem Gedränge. Ich bitte um Vorsicht und bitte um Entschuldigung und bahne mir einen Weg mit ihm.

"Ist hier der Schwarze Stern?" fragt er. "Ja", sage ich. "Wir stehen genau vor dem Eingang". "Dann ist es hier neben dem Eingang". Neben dem Eingang sehe ich keinen weiteren Eingang. Wir gehen in einen Hausdurchgang. "Hier müssen wir eine Treppe hinunter gehen", stelle ich fest. "Nein, nein! Dann sind wir falsch". "Ach, dann sind wir vielleicht auf der falschen Hausseite". "Wo ist die Nikolaikirche?" fragt er. "Hier, rechts!" "Dann müssen wir dort hin." An der Hausecke biegen wir links ein und gehen zwischen Nikolaikirche und dem Gasthaus "Zum Schwarzen Stern" entlang. Ich erblicke ein großes Schriftband mit der Aufschrift: "Presseclub". "Ja, hier ist es!", rufe ich erfreut. Über eine Treppe steigen wir hinauf in den ersten Stock und betreten den "Frankfurter Presseclub". Werden herzlich empfangen. Hängen in der Garderobe seinen Mantel, meine Jacke auf und begeben uns ins Menschenbad.

Wir bekommen sogleich den Hinweis, "wir könnten schon hoch gehen!". Also steigen wir eine Etage höher. Im zweiten Stock angekommen, begrüßt uns der Präsident des Presseclubs bzw. ihn. Ich bin nur Begleitung, aber strecke ihm trotzdem die Hand hin und er greift zu und entschuldigt sich, dass er nicht zuerst die Dame begrüßt hat. Dann stolpern wir fast in die Arme von Carmen Everts, Landtagsabgeordnete der SPD. Ich erkannte sie. Hatte ich sie doch in letzter Zeit häufig im Fernsehen gesehen. Auf der Einladung zum heutigen Abend war sie gar nicht aufgeführt, deshalb war ich überrascht, sie zu sehen. Da wir nun so fast in ihre Arme gelaufen waren, begrüßte sie ihn und gab mir auch ganz bereitwillig und freundlich die Hand. Zwei Meter weiter saß Jürgen Walter, Landtagsabgeordneter der SPD im Sessel und wurde vor laufender Kamera interviewt. Die Situation gebot eine gewisse Ruhe. Er redete laut und unüberhörbar mit Frau Everts. Für ihn absolut korrekt. Wir, die neben ihm Stehenden waren irritiert. Wir sahen das Geschehen im Raum. Er nicht. - Wir machten ihn darauf aufmerksam. Er nahm sich zurück und sprach nun leise.

Von der Größe des Raumes war ich überrascht. In mir herrschte die Vorstellung hier einen Saal vorzufinden und kein größeres Wohnzimmer. Lediglich drei Stuhlreihen waren bereitgestellt. Wir setzten uns. Uns trennten ungefähr eineinhalb Meter von dem Podium, obwohl wir in der zweiten Reihe Platz nahmen. Alles in allem schien es eine übersichtliche Runde zu werden. Der Raum konnte meines Erachtens höchstens fünfzig Menschen fassen.

Hinter dem Podium befand sich ein Erkerfenster in dem eine weihnachtlich geschmückte Tanne stand, an der rote Herzen hangen. Frau Everts festliche rote Rüschchenbluse harmonierte entzückend. Walter im eleganten Anzug, Frau Nicola Beer, Vize-Fraktionsvorsitzende der FDP, in dunklem Anzug mit weißer Bluse. Dagegen hob sich Rupert von Plottnitz, Ur-Gestein der Grünen, mit seinem rustikalen Cord-Sakko eindeutig ab. Von links begrenzte FPC-Vizepräsident Gerhard Kneier das Podium und von rechts FPC-Präsident Werner D'Inka. So eingebettet saßen die vier Politiker, wobei Herr Plottnitz in der Funktion als Rechtsanwalt geladen war, am Podium und wurden mal von rechts, mal von links und ab und zu aus dem Auditorium zur Stellungnahme aufgefordert. Die Veranstaltung wurde unter dem Titel "Hessen ohne Landtag - Was nun?" einberufen. Was hatte man erwartet? Das nun ein geeignetes Kochrezept für die Zukunft erläutert werde? Wer das dachte, wurde jedenfalls enttäuscht. Viel wurde über die Gründe gesprochen, wieso, weshalb, warum. Aber eigentlich wussten wir es schon, warum, weshalb, wieso. Wer in diesen Tagen einen Fernsehapparat besaß oder eine Tageszeitung abonniert hatte, ein wenig interessiert am Tagesgeschehen war, der kam gar nicht umhin, detailliert in Kenntnis gesetzt zu werden.

Und die meisten, die dies berichteten saßen doch nun auch hier.

Sollte diese Veranstaltung ein Versuch gewesen sein, aus einem an Dramatik kaum zu übertreffendem Dilemma eine erlösende Perspektive, einen Strohhalm zu entdecken? Leider fanden sich hier in dieser Runde keine Entdecker. Zu schade, aber für mich war es ein einmaliges Erlebnis. Ich hatte die seltene Möglichkeit, die Welt eines blinden Journalisten zu entdecken, die von Keyvan Dahesch.