BITV 2.0 - in Deutschland in Kraft getreten

Veröffentlicht am von Kobinet

Kerstin Probiesch
Kerstin Probiesch © Kobinet

Marburg (kobinet) Am 22. September 2011 trat in Deutschland die mehrfach angekündigte Barrierefreie Informationstechnik Verordnung 2.0 (BITV 2.0) - (PDF) in Kraft.

Fast drei Jahre nach Erscheinen der Web Content Accessibility 2.0 (WCAG 2.0) ließen sich Bundesregierung und Arbeitsgruppe Zeit, statt über die autorisierte und von zahlreichen Stakeholdern - auch aus Deutschland - befürwortete und international abgestimmte "BITV 2.0" zu schreiben. Ein starkes Indiz, dass mit deutlichen Abweichungen zu rechnen war.

Keine Konformitätsstufen, kein Prozess


Kern und normativer Teil der WCAG 2.0 sind die drei Konformitätsstufen A, AA, AAA. Jeder Stufe sind Erfolgskriterien zugeordnet; sie dienen als Gradmesser und finden sich in den Konformitätsbedingungen wieder:

  • Für Konformitätsstufe A müssen alle Erfolgskriterien dieser Stufe erfüllt sein,
  • für Konformitätsstufe AA müssen alle Erfolgskriterien der Stufe A sowie die der Stufe AA erfüllt sein und
  • Für Konformitätsstufe AAA alle der Stufen A und AA.


Die Konformitätsstufen - Kern und normativer Teil der WCAG 2.0 und gültig für alle Webseiten - wurden in der BITV 2.0 zugunsten der bereits in der BITV 1.0 vorhandenen Prioritäten 1 und 2 aufgelöst. Erfolgskriterien der Konformitätsstufen A und AA sowie einige der Stufe AAA wurden zu Priorität 1 und die Erfolgskriterien der Stufe AAA zu Priorität 2 zusammengefasst. Diese wiederum wurden quasi Website-Typen zugeordnet:

Alle Angebote im Geltungsbereich der BITV 2.0 (Angebote der Bundesverwaltung), näher ausgeführt in § 1 der Verordnung müssen Priorität 1 erfüllen; "zentrale Einstiegs- und Navigationsangebote" müssen außerdem Priorität 2 erfüllen.

Barrierefreiheit ein Prozess? Nach BITV 2.0 nicht.

Inhalte in Leichter Sprache und Gebärdensprache


Deutliche Abweichungen von den WCAG 2.0 sind die nach § 3, Abs. 2 vorgesehenen zusätzlichen Inhalte in Leichter Sprache und Gebärdensprache. Demnach sind für Startseiten

  1. "Informationen zum Inhalt
  2. Hinweise zur Navigation sowie
  3. Hinweise auf weitere in diesem Auftritt vorhandene Informationen in Deutscher Gebärdensprache oder in Leichter Sprache"

verpflichtend.

Nun hört sich "Informationen" erst einmal gut an - immerhin leben wir ja in einer Informationsgesellschaft. Allerdings ist "Information" ein wachsweicher Begriff, beliebig und wenig aussagekräftig. Manche Sprachwissenschaftler bezeichnen "Information" deswegen als "Plastikwort". Jenseits sprachwissenschaftlicher Überlegungen ist aber entscheidender: "Informationen zum Inhalt" ist nicht konkret und deswegen ebenso wenig testbar, wie einige Vorgaben zur Ausgestaltung dieser Inhalte (vgl. Anlage 2 der BITV 2.0). So wird für Gebärdensprachinhalte ein Kontrast von Hintergrund, Kleidung und Hände von Darstellerinnen und Darstellern gefordert, allerdings keine Aussage darüber gemacht wie hoch dieser sein muss:

"Der Hintergrund sowie die Kleidung und die Hände der Darstellerin oder des Darstellers stehen im Kontrast zueinander. Dabei soll die Kleidung dunkel und einfarbig sein" (Anlage 2)


Ebenfalls nicht testbar sind zahlreiche Vorgaben für Inhalte in Leichter Sprache - ein Grund übrigens, warum Leichte Sprache kein Erfolgskriterium der WCAG 2.0 ist.

Selbstverständlich sind Inhalte in Leichter Sprache und Gebärdensprache absolut begrüßenswert und wie man für mehr Inhalte für die beiden angesprochenen Nutzergruppen sorgen will ohne Verordnung ist eine offene Frage. Will man jedoch Websitebetreibern und Unternehmen Sicherheit bei der Umsetzung geben sowie einen offenen Wettbewerb und unabhängige Tests ermöglichen, dann müssen die Anforderungen genauer formuliert sein als es in der BITV 2.0 der Fall ist. Gerade dann darf man die Beurteilung dieser Inhalte nicht der Interpretation überlassen.

Bedingungen statt Erfolgskriterien


In den WCAG 2.0 geht es um das Erfüllen von Erfolgskriterien, ein optimistischer Begriff. Erfolg ist "das Erreichen selbst gesetzter Ziele" (das kann übrigens nach WCAG 2.0 auch das Erreichen der Konformitätsstufe A sein) liest man in der Wikipedia. Erfolge kann man feiern; Erfolge befriedigen. In der BITV 2.0 geht es um Bedingungen. Das muss wohl bei einer Verordnung so sein, Freude vermittelt der Begriff jedoch nicht. Dem Nachkommen von Bedingungen werden wohl nur wenige Feste gewidmet. Dies aber nur am Rande.

Inhaltliche Änderungen


Nicht nur wichtige Konzepte und Begriffe findet man in der BITV 2.0 nicht recht wieder. Es gibt auch inhaltliche Abweichungen. Aus dem "Leseniveau" der WCAG 2.0 wurde in der BITV 2.0 "Einfache Sprache", inkl. der bereits aus der BITV 1.0 bekannten Formulierung "verwenden sie die klarste und einfachste Sprache, die angemessen ist (...)". Diese Bedingung ist bis heute nicht überprüfbar; in den WCAG 2.0 heißt es dazu:

"Using the clearest and simplest language appropriate is highly desirable, but the WCAG Working Group could not find a way to test whether this had been achieved."


Auch andere Bedingungen der BITV 2.0 sind zwar interpretierbar, aber wohl nur eingeschränkt testbar. Neben den schon genannten Inhalten in Leichter Sprache und Gebärdensprache gilt das für

  • Bedingung 3.1.2: Sprache einzelner Abschnitte (Priorität 1) und
  • Bedingung 3.1.3: Ungebräuchliche Wörter (Priorität 2)


In beiden Bedingungen sowie in den Vorgaben für Leichte Sprache wird implizit (Bedingung 3.1.3 und Leichte Sprache) sowie explizit (Bedingung 3.1.2) auf einen allgemeinen Sprachgebrauch verwiesen. Nun ist "Allgemeiner Sprachgebrauch" ebenso wenig klar definiert wie "Information". Laut Begründung zum Entwurf der BITV 2.0 (die abschließende Begründung liegt noch nicht vor) soll bei der Auszeichnung des Sprachwechsels "insbesondere auch" der Duden Maßstab für die Beurteilung sein. Allerdings wird nicht näher darauf eingegangen, welcher Duden gemeint ist und der Passus "insbesondere auch" legt nahe, dass weitere Wörterbücher oder Lexika denkbar wären. Ob es hier eine Konkretisierung gibt wird sich zeigen, wenn die endültige Begründung vorliegt. Davon unabhängig enthält zumindest Duden online nicht Wörter des Allgemeinen Sprachgebrauchs, sondern "den für die deutsche Sprache bedeutsamen Wortschatz". Es stellt sich also die Frage, ob man bei einer Orientierung am Duden als Testmittel überhaupt noch das misst, was man messen möchte und natürlich haben wir ein weiteres interpretatives Element.

Brauchen deutsche Behinderte mehr Orientierung als andere?


Man möchte es meinen, denn die der Priorität 1 vorhandene Teilbedingung: "Es sind Informationen über den Standort der Nutzerin oder des Nutzers (...) innerhalb verbundener Webangebote verfügbar" - ist nach WCAG 2.0 der Konformitätsstufe AAA zugeordnet. Ein formaler Einwand gegen diese Einstufung auf AAA aus deutscher Sicht ist mir nicht bekannt. Generell war die deutsche Beteiligung an der Entwicklung der WCAG 2.0 ja leider recht übersichtlich.

Eine weitere Änderung betrifft das Thema "Mehrdeutige Linkziele". Auch hier entschieden Arbeitsgruppe und zuständiges Ministerium zugunsten einer Aufwertung von Stufe AAA zu Priorität 1 (vgl. BITV 2 Entwurf kommentiert - Teil 2 - Mehrdeutige Linkziele).

Weitere Abweichungen von den WCAG 2.0 hat Jan Eric Hellbusch in Die BITV 2.0 ist in Kraft bei den Webkrauts dokumentiert.

Fazit:


  • Die BITV 2.0 enthält grundlegende Abweichungen von zentralen Aspekten der WCAG 2.0, wie z.B. dem Konzept der Konformitätsstufen.
  • Die Verordnung enthält nicht-testbare Vorgaben, die von den WCAG 2.0 abweichen und Interpretationen und Deutungshoheiten Tür und Tor öffnen oder besser offen lassen und einen deutschen Sonderweg darstellen - auch wenn einige dieser Abweichungen "nur" Priorität 2 sind.
  • Die Verordnung könnte sich bald überlebt haben. Klaus-Peter Wegge vom Siemens Accessibility Competence Center schreibt in einer Stellungnahme: "Sie (die BITV) kommt 3 Jahre zu spät und wird in absehbarer Zeit durch europäisch einheitliche Regeln (WCAG-2.0-Übernahme) abgelöst (vergleiche Mandate 376)."
  • Erfahrungsgemäß werden die Bundesländer nachziehen und - dies war bereits bei der BITV 1.0 so - die Bundes-BITV zumeist nicht vollständig übernehmen. Dadurch droht eine weitere Fragmentierung statt eine Harmonisierung.


Natürlich ist nicht alles schlecht. Den Abweichungen stehen zahlreiche Übereinstimmungen mit den WCAG 2.0 gegenüber. Sie lassen sich jedoch nicht gegeneinander aufwiegen, denn zentrale Konzepte der WCAG 2.0 fehlen in der BITV 2.0. Und natürlich ist die BITV 2.0 ist begrüßenswert, jedoch aus meiner Sicht kein großer Schritt.

Sie beendet die viele Jahre dauernde unbefriedigende Situation einer BITV 1.0, die der modernen Webentwicklung nicht Rechnung trug und ein Hemmschuh für all die war, die mit modernen Webtechnologien für mehr Zugänglichkeit und Nutzbarkeit sorgen oder besser sorgen wollten. Dass die BITV 2.0 nur für Webseiten des Bundes gilt und Unternehmen sich nicht danach richten müssen kann man als Nachteil sehen, aber auch als Vorteil:

Unternehmen sind frei und aufgerufen den Weg der WCAG 2.0 zu gehen, dies wird in der Begründung zum Entwurf deutlich. Auch wenn Konformitätsstufe AA selbstverständlich angestrebt werden sollte, ist doch bereits die Umsetzung von Barrierefreiheit nach Konformitätsstufe A - z.B. bei den so wichtigen Hotelwebsites, aber nicht nur - ein Gewinn für alle und wichtige Motivation sich überhaupt des Themas anzunehmen. lad

Zur Autorin


Kerstin Probiesch M.A. (Marburg, Deutschland) ist selbständige Beraterin für Barrierefreiheit und Social Media. Sie schreibt Fachartikel, ist Co-Autorin des Buchs "Barrierefreiheit verstehen und umsetzen. Webstandards für ein zugängliches und nutzbares Internet", Invited Expert der Evaluation and Methodology Task Force (EVAL TF) beim World Wide Web Consortium (W3C) und engagiert sich bei den Webkrauts für mehr Qualität im Web. Aktueller Interessensschwerpunkt: Barrierefreiheit von Open Access. Weitere Informationen und Verweise zur Kommentarreihe der Autorin zur BITV 2.0 finden Sie unter BITV 2 in Kraft im Blog "Barrierefreie Informationskultur".