dOCUMENTA 13 mit wesentlichen Verschlechterungen für behinderte Menschen

Veröffentlicht am von Kobinet

Daumen runter
Daumen runter © Kobinet

Kassel (kobinet) "Wir müssen draußen bleiben", das gilt in diesem Jahr nach Ansicht des Behindertenbeirates der Stadt Kassel und des Vereins zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) zwar nicht für Hunde bei der dOCUMENTA 13, aber an einigen Standorten der in Kassel derzeit stattfindenen Weltkunstaustellung für behinderte Menschen.

"Nicht nur, dass Standorte gewählt wurden, die ohnehin nur mit hohen Kosten barrierefrei zu gestalten wären, wie der Weinberg oder der Bunker, sondern es wurden zusätzlich Holzhütten in der Karlsaue neu erbaut, die nur über Stufen zu erreichen sind. Zudem ist der neu aufgeschüttete und zum Teil nicht festgewalzte Schotter für Rollstuhlfahrende kaum nutzbar. Führungen in Gebärdensprache oder für Schwerhörige mit Induktionsschleifen, sowie besondere Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen, bei denen Kunstwerke angefasst oder besonders ausführlich beschrieben werden gibt es nicht. Solche Führungen gehörten schon vor fünf Jahren zum Angebot der Documenta 12", kritisiert Birgit Riester vom Vorstand des Vereins zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab).

"Wir waren verwundert und empört, dass die dOCUMENTA 13 plötzlich wieder hinter diesem Standard erheblich zurückbleibt und fühlen uns diskriminiert und von der dOCUMENTA-Leitung mit unseren Bedürfnissen nicht wahrgenommen", so das Resumee von Birgit Riester zu den ersten Tagen der vom 9. Juni bis 16. September in Kassel stattfindenden Kunstausstellung. "Der Behindertenbeirat der Stadt Kassel wendete sich schon frühzeitig an die Geschäftsführung der dOCUMENTA, um seine Kompetenzen einzubringen und auf die Berücksichtigung behinderter Menschen zu drängen", stellt der Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Kassel Helmut Ernst dar. Der Beirat wurden aber bisher nur vertröstet und sieht nun die Teilhabemöglichkeiten behinderter Menschen an diesem Großereignis wesentlich eingeschränkt. "In einer Zeit, in der alle von einer 'inklusiven Gesellschaft' sprechen an der alle Menschen gleichberechtigt partizipieren sollen, kann es nicht sein, dass behinderte Menschen sich mit einem ermäßigten Eintritt zufrieden geben sollen", fügt Riester hinzu.

Helmut Ernst fordert die dOCUMENTA auf, umgehend soweit es jetzt noch möglich ist, Abhilfe bei der fehlenden Barrierefreiheit zu schaffen und ein qualifiziertes Führungsangebot anzubieten, das auf die Bedürfnisse Seh-, hör, geh- und lernbehinderter Menschen Rücksicht nimmt. "Diese Kompetenzen hätten schon bei der Bewerberauswahl und bei der Fortbildung der Worldly Companions mit abgefragt oder vermittelt werden müssen, sind aber zumindest jetzt dringend nachzuholen.

Hintergrund
Bisher dokumentierten Barrieren für gehbehinderte bzw. rollstuhlfahrende Menschen:

Im Friedericianum sind der Dali-Raum und der Raum der verbrannten Bücher nur über Treppen erreichbar außer man fragt schon am Eingang, ob jemand den Lastenaufzug bedienen kann, darauf wird aber nicht hingewiesen.

Nr. 174 Time/Bank - zwei Stufen zum Steg, Steg Geländer nur einseitig

Nr. 29 Manon de Boer (One Two Many) - eng wegen Lichtschleuse, nur englisch

Nr. 152 Paul Ryan (Threeing) - zwar Rampe, aber Boden nur barfuß begehbar. Begehbarer Bereich um die "Barfuß-Fläche" höchsten 50 cm breit, ohne Geländer

Nr. 176 Rosemarie Trockel (Tea Party Pavillon) - 1 Stufe am Eingang

Nr. 99 Gabriel Lester (Transition) - Gestampfter Boden im Kunstwerk, Zuwegung platt getretene Rasenfläche

Nr. 167 Alexandra Sukhareva (Being of Mother) 1 Stufe zum Eingang

Nr. 98 Din Q. Lê (Light and Belief) - Stufe am Eingang

Nr. 150 Ruth Robbins u. Red Vaughan Tremmel (The Subjects of Desire: Relics of Resistance) - 1 Stufe am Eingang

Nr. 69 Chiara Fumai (Moralisches Ausstellungshaus) - Schuhe ausziehen am Eingang, keine Sitzmöglichkeit, keine Geländer

Nr. 144 Michael Rakowitz (What dust will rise? ("Steinerne Bücher" etc.) - Bücher liegen auf Vitrinen in Sichthöhe einer stehenden Person. Vitrinen sind englisch beschriftet, keine deutschen Erklärungen. moh