100 Jahre Blindenverband in Deutschland
Veröffentlicht am von Kobinet
Berlin (kobinet) Gestern vor 100 Jahren, am 25. Juli 1912, beschlossen 250 blinde Männer und Frauen auf dem Zweiten Deutschen Blindentag in Braunschweig die Gründung des Reichsdeutschen Blindenverbandes mit Sitz in Berlin. Sie wollten fortan ihre Interessen selbst vertreten und ihre Abhängigkeit von den etablierten Fürsorgeeinrichtungen überwinden. Darauf wies der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) in seinem Newsletter dbsv-direkt hin.
Jedoch tat sich die Gesellschaft schwer, blinde Menschen außerhalb der Anstaltsmauern anzunehmen, und die Betroffenen waren auf ein Leben "in Freiheit" nur ungenügend vorbereitet, heißt es in dbsv-direkt. Der älteste bekannte Zusammenschluss blinder Menschen in Deutschland ist die Blindengenossenschaft in Hamburg von 1872. Im Jahre 1874 wurde der "Allgemeine Blindenverein zu Berlin" von einigen blinden Organisten, Lehrern und sehenden Beratern gegründet. Örtliche Zusammenschlüsse folgten vielerorts. Auf den seit 1873 durchgeführten Blindenlehrerkongressen versuchten blinde Menschen, sich Gehör zu verschaffen, soweit die Belange erwachsener Blinder Gegenstand von Beschlüssen waren. Nach dem Kongress von 1907 in Hamburg fiel jedoch die Entscheidung, eigene Wege zu gehen.
Der Erste Deutsche Blindentag 1909 in Dresden bereitete die Gründung eines eigenen Verbandes vor, die der Zweite Deutsche Blindentag 1912 in Braunschweig vollzog. Von den 54 im Deutschen Reich bekannten Blindenvereinen waren 22 Vereine beteiligt, ein Jahr später waren dem Verband bereits 44 Vereine beigetreten. Vorsitzender wurde Franz Walter Vogel aus Hamburg, der sich seit 1907 mit Nachdruck für die Gründung eines Spitzenverbandes eingesetzt hatte. Stellvertretender Vorsitzender war Rudolf Kraemer aus Heilbronn, Schatzmeister Eugen Crohn aus Berlin und Schriftführer Paul Reiner aus Berlin, berichtet dbsv-direkt.
Im Vordergrund der Verbandsarbeit standen die Förderung der Erwerbstätigkeit, die Ermäßigung des Portos für Blindensendungen, Fahrpreisermäßigungen bei Straßen- und Eisenbahnen für erwerbstätige Blinde, die Schaffung einer höheren Schule und Vergünstigungen bei der gesetzlichen Sozialversicherung. Als Medium für den Gedankenaustausch und die Willensbildung bewährte sich die Brailleschrift, die im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts Einzug in die Blindenanstalten gehalten hatte.
"Wir sind stolz, dass die Gründung des Reichsdeutschen Blindenverbandes auch als Geburtsstunde der deutschlandweiten Selbsthilfe in die Geschichtsbücher eingegangen ist", sagt DBSV-Präsidentin Renate Reymann anlässlich des Jubiläums. "Heute ist die Gesellschaft für alle unsere große Vision. Wir werden in der Politik und der Gesellschaft gehört und setzen uns im Verbund mit anderen Behindertenverbänden dafür ein, dass alle Menschen - ob mit oder ohne Behinderung - die gleichen Chancen haben." moh
Die Kooperation Behinderter im Internet e.V. (kobinet)
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