Beratungsführer für Menschen mit Behinderungen geplant
Veröffentlicht am von Kobinet
Stuttgart (kobinet) Menschen mit Behinderungen sind besonders häufig von Gewalt betroffen. Wohin sie sich im Notfall wenden können, wissen sie aber kaum. Selbst für Fachleute ist das Angebot unübersichtlich. Der runde Tisch "Unterstützungs und Präventionsangebote für von Gewalt betroffene Menschen mit Behinderung" will hier für Abhilfe sorgen. Ergebnis der Auftaktveranstaltung im Stuttgarter Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (ZsL) ist, eine Umfrage unter Beratungsstellen zu starten, um zu ergründen, wer was für wen anbietet.
Dabei soll einer Presseinformation der ZsL Stuttgart zufolge auch die Frage der Barrierefreiheit der Beratungsstellen ein Thema sein. Fernziel ist ein aktueller Beratungsführer für Menschen mit Behinderungen. Frauen mit Behinderungen sind bislang unzureichend vor körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt geschützt und zudem vielfältigen Formen von Diskriminierung und struktureller Gewalt ausgesetzt. Dies ist das Ergebnis einer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend beauftragten Studie. Für die Diplom-Psychologin Britta Schade vom ZsL Stuttgart war die Veröffentlichung dieser Studie Anlass, Menschen mit Behinderungen und Beratungsstellen zu einem runden Tisch zu laden: "Uns haben die Ergebnisse der Studie nicht überrascht, eine geplante Nachfolgestudie wird für Männer sicherlich ein vergleichbares Resultat ergeben. Wichtig ist für uns als ZsL jetzt, die Initiative zu ergreifen, um Veränderungen auf den Weg zu bringen. Viel zu lange ist schon vorwiegend über uns Menschen mit Behinderungen gesprochen worden, jetzt ist es wichtig, dass wir als Betroffene uns lautstark in die Diskussion einbringen. Denn nur gemeinsam werden wir die für Veränderungen notwendige Sensibilisierung der Öffentlichkeit erreichen."
Die Resonanz auf die Veranstaltung am Montag war nach Informationen von Britta Schade groß. Etwa 30 Teilnehmende zählte der erste runde Tisch des ZsL: Menschen mit Behinderungen, Fachleute aus Beratungsstellen und Kommunal- und Landespolitiker. Der Landes-Behindertenbeauftragte Gerd Weimer hat ein Grußwort geschickt, in der er die Veranstaltung als Mut machendes Signal gegen jede Form der Diskriminierung, von Missbrauch und Gewalt gegen behinderte Menschen lobt.
Selbst das beste Angebot einer Beratungsstelle nutzt wenig, wenn es von Menschen mit Behinderung nicht zu erreichen ist. Deshalb wurde es als wichtiges Ziel am runden Tisch festgehalten, die Barrierefreiheit zu verbessern. Dabei geht es um alle Menschen mit Unterstützungsbedarf, um die Menschen im Rollstuhl, blinde oder hörgeschädigte Menschen wie auch Menschen mit einer Lernbehinderung, heißt es in der Presseinformation. Was getan werden kann, wüssten Betroffene selbst am besten. Deshalb wurde angeregt, dass Kompetenzteams aus Menschen mit Behinderungen Beratungsstellen und andere Einrichtungen prüfen. "Oft lassen sich hier mit kleinen Veränderungen große Wirkungen erzielen", gab Marion Janke (ProFamilia) zu bedenken. Stefanie Sekler-Dengler (Evangelische Gesellschaft Stuttgart) sieht in der Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in die Beratungen in den Gemeinderäten einen wichtigen Beitrag, um Barrieren vielleicht erst gar nicht entstehen zu lassen.
Ein zweites wichtiges Thema war die Vernetzung. Vielfach weiß nicht einmal die eine Beratungsstelle, was die andere genau tut. Betroffene können so schon gar keinen Überblick bekommen. Tanja Hebach vom Polizeipräsidium Stuttgart brachte es auf den Punkt: "Wir brauchen eine Handreichung mit allen wichtigen Informationen, die jeder Kollege griffbereit hat." Konkretes Ergebnis des runden Tisches ist es deshalb, eine Umfrage unter Beratungsstellen zu starten. Die Ergebnisse sollen in einem zweiten Schritt in einen Beratungsführer für Menschen mit Behinderungen einfließen. Auch hier hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die erste Vorarbeiten in Angriff nehmen wird.
Die Teilnehmenden des runden Tisches "Unterstützungs und Präventionsangebote für von Gewalt betroffene Menschen mit Behinderung" verabredeten einen Folgetermin für den Herbst. Wer an den offenen Arbeitsgruppen oder am runden Tisch selbst teilnehmen möchte, kann die genauen Termine über das ZsL, Telefon 0711/7801858, erfahren. Britta Schade wünscht sich insbesondere eine noch stärkere Teilnahme von Menschen mit Behinderungen: "Die Fachkunde von Betroffenen ist überhaupt nicht zu ersetzen. Deshalb setzen wir vom Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen auf eine umfassende Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen gemäß unserem Motto 'nicht über uns ohne uns'." moh
Die Kooperation Behinderter im Internet e.V. (kobinet)
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