Eltern kritisieren Mißachtung der UN-Behindertenrechtskonvention

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Emoji Inklusion
Emoji Inklusion
Bild: Aktion Mensch e.V.

Köln (kobinet) Wie der Verein "mittendrin" berichtet, bereitet das Deutsche Institut für Menschenrechte einen Bericht für den UN-Fachausschuss vor, der parallel zum anstehenden zweiten Staatenbericht über den Stand der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention entsteht. Elternvertreter haben demnach in dieser Woche dem Deutschen Institut für Menschenrechte berichtet, inwieweit das Recht auf inklusive Bildung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (Artikel 24 UN-Behindertenrechtskonvention) in Deutschland umgesetzt wird. Das Institut hatte in Vorbereitung seines Berichts für die Bundesregierung die Verbände zur Konsultation nach Berlin eingeladen.

Kirsten Ehrhardt von Gemeinsam leben - gemeinsam lernen Baden-Württemberg e.V. kritisierte stellvertretend für die Elternverein auch in anderen Bundesländern, dass die deutsche Bildungspolitik mit einem Menschenrecht umgeht, als sei es ein beliebiges Reformprojekt, dass man machen oder auch bleiben lassen könne.

So wird der Eindruck erweckt, Inklusion kann man nach Belieben „aussetzen“, könne mal eine „Pause“ machen, man könne „das Tempo rausnehmen“. Solche Gedanken sind, so "mittendrin" die politische Stimmung im Land. Und alle, die sagen: Nein, das kann man nicht, weil es um ein Menschenrecht geht, haben eben eine andere Meinung.

Zudem gibt es weiterhin die Ansicht, die UN-BRK gelte gar nicht für Deutschland, vor allem nicht im Bildungsbereich, sondern nur für sogenannte „Schwellenländer“ und solle lediglich nur verhindern, dass die Behinderten nicht hinter irgendeiner Hütte angekettet werden. Moderne Sonderschulen, so wird gesagt, habe die UN nie gemeint. Und deshalb gebe es einfach keinen Handlungsbedarf.

Inklusion, so ist von der bisherigen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz Susanne Eisenmann zu lesen, sei nur etwas für Schüler, die „sozial und leistungsmäßig mitkommen“. Dass sie damit den Begriff ad absurdum führt, stört sie nicht.

Schließlich erscheint Inklusion noch beliebig füllbar. So glaubt man gar nicht, wie viele inklusive Schulen angeblich gerade in Deutschland entstehen: Die ausgelagerte Sonderschulklasse heißt inzwischen „Inklusionsklasse“. Der Neubau der Sonderschule, jetzt mitten im Ort und nicht mehr neben der Kläranlage, ist ein wichtiger Schritt zur Inklusion. Und die Sonderschulklasse macht schon dadurch inklusiven Unterricht, indem sie in einem öffentlichen Schwimmbad schwimmt. Sind wir nicht alle ein bisschen inklusiv? Der Etikettenschwindel ist inzwischen immer und überall.

Inklusion erscheint so längst als eine Leerformel, ein missbrauchter Begriff. Man sagt: „Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit.“, stellt "mittendrin" fest und fährt fort: "Die Wahrheit über Inklusion ist längst mausetot. Inklusion wird in weiten Teilen Deutschlands nur noch problematisch dargestellt, von den Medien gerne aufgegriffen" - denn so funktionieren Medien: Das „Scheitern“, die Krise“, die Lehrerin "P" aus "L" am Rand des Nervenzusammenbruchs verkaufen sich immer besser als jede Erfolgsgeschichte.

Lesermeinungen zu “Eltern kritisieren Mißachtung der UN-Behindertenrechtskonvention” (7)

Von Annika

Ich sehe das auch so:
Wir müssen weiterhin Stand halten und mitteilen, dass wir mit dem BTHG nicht zufrieden sind und dass wir uns nicht mehr für dumm verkaufen lassen.
Auch mit der schulischen Inklusion sind wir nicht zufrieden- sie gilt nicht für alle Kinder und nicht für alle Schulen!
Die Lobby der Sonderpädagogen kämpft vielerorts dagegen und behauptet das Beste für unsere Kinder zu wollen...dabei geht es um sie selbst.
Ich bin froh, in Rheinland Pfalz zu leben, wo ich wenigstens zwischen Förderschule und Schwerpunktschule für mein Kind wählen kann (seit 2014/15).
In NRW, habe ich gelesen, dürfen Kinder mit "ganzheitlichem Förderbedarf" erst garnicht auf "inklusive" Schulen. Sei werden weiter aussortiert- aber wir wissen längst warum- damit ein System erhalten bleibt, in dem sich viele gut eingerichtet haben.
Zeigen wir es ihnen doch, dass wir das längst wissen!

Von kirsti

Sehr geehrter Herr Hentschel, liebe Frau Maubach,

danke für Ihre Beiträge und Herrn Hentschel besonders die Antwort auf meine Frage und für den Link! Es ist traurig, dass das reiche Deutschland sich auf seinen „tragischen Weg“ aufgemacht hat und diesen mit dem BTHG weiter fortschreibt. – Das BTHG ist keine Hilfe, sondern ein gesellschaftlicher und politischer Irrtum. Und er wird nicht nur von der Lebenshilfe schöngeredet, sondern von vielen großen und kleinen "etablierten Behindertenvereinen", die angeblich „behindertengerecht“ tätig sind.- Dann wehren wir uns doch alle gemeinsam gegen diese neuen und alten Ungerechtigkeiten! Auch auf kobinet; jeder mit seinen Kräften und persönlichen, je andersartigen Erfahrungen, die aber immer in der Aussonderung in Sonderwelten enden.

Schönen Abend und Grüße Kirsti

Von Gisela Maubach

Lieber Herr Hentschel,
herzlichen Dank für diesen Link, der mir bisher unbekannt war.

Für diejenigen, die sich nicht die Mühe machen, den gesamten Text zu lesen (der übrigens schon aus dem Jahr 2004 stammt), hier zwei sehr aussagekräftige Zitate:

"Kann jeder geistig behinderte Mensch in einer Gruppenwohnung leben?
Ja! Sofern die Wohnung entsprechend eingerichtet und ausreichend Personal vorhanden ist, kann jeder Mensch so wohnen - auch bei schwersten Behinderungen."

Und sehr beachtenswert am Ende des Beitrages:

"Die Situation in Deutschland wirkt auf mich paradox: Das viele Jahrzehnte währende hohe ideelle Engagement der Professionellen in den etablierten Großeinrichtungen trägt dazu bei, die beste Lösung zu behindern. Aus fachlicher Sicht gibt es zum gemeindenahen Wohnen keine vernünftige Alternative. Es wäre tragisch, wenn Deutschland, das meist Vorbild für die ganze Welt war, an einem kontraproduktiven System festhielte. Sollte der Erste wirklich der Letzte werden?
Ich wünsche Ihnen, dass Sie die politische Kraft aufbringen, die notwendigen Neuerungen anzugehen und zu verwirklichen."

Dieser 14 Jahre alte (!) Beitrag lässt erkennen, dass Deutschland sich auf eben diesem "tragischen" Weg befindet, indem nach Ende der Schulzeit diejenigen Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, die "nicht brauchbar" (= nicht arbeitsfähig) sind.

Irgendwann lässt sich dieses Ausgeschlossensein in Sondereinrichtungen nicht mehr schönreden - auch wenn man noch so viel das Wort "Teilhabe" auf die Fassade schreibt.

In der vergangenen Woche habe ich von der Mutter einer jungen geistig behinderten Heimbewohnerin erfahren, dass die Lebenshilfe als Träger der Sondereinrichtung jetzt von "Wohnkunden" redet, damit das Wort "Heim" darin nicht mehr vorkommt.

Da stellt sich doch automatisch die Frage, ob diese Lebenshilfe weiterhin als "Selbsthilfe"verband die Interessen ihrer "Wohnkunden" vertreten kann.

Als Vertreterin meines erwachsenen behinderten Sohnes sage ich NEIN.

Von Dirk Hentschel

Hallo Kirsti,

ich möchte Ihnen gern antworten.

"oder fassen Sie darunter auch die Menschen in den Vereinen, die jetzt von der Umsetzung des ehemals „ach so verteufelten BTHG’s“ überzeugter sind als je zuvor"

JA!

In der "etablierten Behindertenhilfe" sehe ich alle Protagonisten welche sich in den vergangenen Jahrzehnten "eingelebt haben" und ihren Nutzen daraus ziehen. Mit der UN BRK hätte das gesamte "System" hinterfragt werden müssen - als Bespiel dafür könnte vielleicht dieser Vortrag dienen:

https://www.fdst.de/aktuellesundpresse/imgespraech/integrationschweden/

Nicht das ich einschätzen könnte, dass in Schweden / Norwegen alles Bestens ist - jedoch ist der gedankliche Ansatz (schon Jahre vor der UN BRK) ein gänzlich anderer als in Deutschland?!

Hier geht es doch nur darum bestehende Systeme zu erhalten - oder?

MfG

Dirk Hentschel

Von kirsti

@ Dirk Hentschel

Darf ich Sie etwas fragen:

Wen meinen Sie genau mit dem Begriff „etablierte Behindertenhilfe“? – Meinen Sie "nur" die traditionellen Helfer*innen, also Leute aus den Pflegeberufen oder fassen Sie darunter auch die Menschen in den Vereinen, die jetzt von der Umsetzung des ehemals „ach so verteufelten BTHG’s“ überzeugter sind als je zuvor.

Denn – ich muss gestehen - ich bin überrascht über die Wendung und Wende, die manch eine(r) in der „etablierten Behindertenhilfe“ genommen hat, wenn es um die Beurteilung und Umsetzung des BTHG’s geht.

Das BTHG ist seit Verabschiedung zu Ende des Jahres 2016 bis heute keinen Deut „gut“ oder gar besser geworden, als es von Beginn an war. Das BTHG zu loben und die Umsetzung zu fordern und zu fördern, bedeutet in meinen Augen, eine Kehrtwende genommen zu haben oder immer der Überzeugung gewesen zu sein, dass die UN BRK und Art. 3 Absatz 3 Satz 2 GG NIEMALS eine Bedeutung für Behinderte in diesem Land hatten.

MfG

Von Annika

Danke an Frau Ehrhardt-

der Begriff Inklusion wird genauso missbraucht wie früher Integration. Die Liste der Beispiele lässt sich noch lange fortsetzen (z.B. Sonderschule kooperiert mit Regelschule, Sonderschule macht einen Ausflug in die "reale" Welt..., Behinderte besuchen Theater..) Bei uns kommt sowas jede Woche in den Lokalblättchen.
Wer sich nicht mit dem Begriff Inklusion auseinandersetzt, weiß natürlich nicht, was damit genau gemeint ist.
Leider sind auch Eltern oft schlecht oder sogar falsch informiert darüber, welche Rechte sie haben- und allein deshalb landen die Kinder auf Sonderschulen.
Hinzu kommt, dass, wenn Schulbegleiter erforderlich werden,
viele Eltern das gegenüber den Kostenträgern nicht durchsetzen können.
Türen werden immer nur mit viel Druck geöffnet und nicht jeder kann ihn ausüben.
Damit es richtig läuft, müssen diese Schulen und die damit verbundene Kategorisierung abgeschafft werden.

Von Dirk Hentschel

Sehr geehrte Frau Ehrhardt,

es ist ihnen gelungen, eine breites Spektrum an "Unzulänglichkeiten" der Umsetzung der UN BRK in Deutschland, dar zu legen!

Ist es mir erlaubt, anzufügen, das diese "Unzulänglichkeiten" sich jedoch nicht nur im Bereich der Bildung, sondern im gesamten Bereich der etablierten Behindertenhilfe zutreffen?

Stichwort Artikel 19 in Verbindung mit Zumutbarkeitsprüfung - Mehrkostenvorbehalt!

Danke!

MfG

Dirk Hentschel

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