Besuch von der Beratungsstelle

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Bild von Josef Ströbl
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Bild: omp

Hofgeismar (kobinet) Die Aufarbeitung des Unrechts, das behinderte Menschen in Einrichtungen erleben mussten, ist für den Inklusionsbotschafter Josef Ströbl sehr wichtig. Das Vorstandsmitglied von Mensch zuerst, dem Netzwerk von Menschen mit Lernschwierigkeiten, hat sich dabei selbst auf die Spuren seiner eigenen Geschichte begeben. Im Oktober 2017 hat er schließlich einen Antrag bei der Stiftung Anerkennung und Hilfe eingereicht, weil er selbst in einer Einrichtung Unrecht erfahren musste und ihn das heute noch sehr berührt. Diese Woche kam nun eine Beraterin der zuständigen Beratungsstelle bei Josef Ströbl vorbei, um mit ihm den Antrag und seine Erlebnisse zu besprechen.

"Mir geht es bei der ganzen Sache nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit. Und vor allem möchte ich anderen behinderten Menschen Mut machen, auch Anträge zu stellen, wenn sie früher Unrecht und Leid in Einrichtungen erleben mussten", hatte Josef Ströbl gegenüber den kobinet-nachrichten erklärt, als er im Oktober letzten Jahres den Antrag eingereicht hat. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit ihm darüber, wie das Beratungsgespräch verlaufen ist und wie es nun weitergeht.

"Ich habe mich dafür entschieden, das Gespräch mit der Beraterin bei mir zu Hause zu führen. Ich wusste, dass das nicht leicht für mich wird. Denn die Erfahrungen von damals gehen mir heute noch sehr nah. Und zu Hause fühle ich mich am sichersten dafür. Die Beraterin war gut. Trotzdem musste ich zum Teil kräftig schlucken und das Gespräch auch einmal unterbrechen", berichtet Josef Ströbl. Die gute Vorarbeit, die Josef Ströbl für seinen Antrag mit entsprechender Unterstützung schon geleistet hat, wurde von der Beraterin gelobt. "Sie hat mir gesagt, dass sie das voll anerkennt, dass bei mir böses Unrecht geschehen ist. Jetzt geht das seinen gesetzlichen Lauf, wie das in der Bürokratie so sein muss. Irgendwann kriege ich dann wohl das Geld. Ich frage mich aber immer wieder: kann man Unrecht mit Geld gutmachen?"

Auf die Frage der Beraterin, was Josef Ströbl mit dem Geld machen würde, wenn er dieses über die Stiftung Anerkennung und Hilfe bekommen würde, muss dieser nicht lange nachdenken. "Ich habe das ja nicht wegen des Geldes gemacht. Ich möchte das Geld nutzen, um als Zeitzeuge zur Verfügung zu stehen. Denn ich möchte das Geld  für andere einsetzen. Dass auch sie ihre Geschichte bearbeiten können. Und dass auch sie endlich eine Anerkennung bekommen, für all das Unrecht, das sie erleben mussten. Ich frage mich nämlich: Was ist mit den Leuten, die damals mit mir im Heim waren? Das würde ich gerne rausfinden. Ich möchte auch rauskriegen, was ist aus der Einrichtung geworden? Gibt’s noch Verantwortliche von damals? Gibt's Menschen, die sich noch erinnern können. Denn andere sollten unbedingt davon erfahren, dass es diesen Fonds gibt. Viele werden sich nicht einfach melden können und einen Antrag stellen. Vielleicht kann ich da ja als Zeitzeuge ein bisschen weiterhelfen? Und dieses Unrecht sollte nicht einfach vergessen werden."

Am schönsten wäre es für Josef Ströbl, wenn die Einrichtungen oder deren Nachfolger, bei denen Unrecht geschehen ist, selbst an die Öffentlichkeit gehen und eingestehen würden, dass das sehr böse Sachen sind, die sie damals mit den Menschen gemacht haben. "Ich werde mich auf jeden Fall auf Spurensuche der Vergangenheit machen, um mehr herauszufinden. Ich frage mich aber auch, was ist mit den Menschen, die später als 1975 in Westdeutschland oder 1990 in der ehemaligen DDR Unrecht und Leid in Einrichtungen erfahren mussten? Was ist mit denen, denen die Selbstbestimmung sozusagen aberzogen wurde? Die Geschichte des Unrechts an behinderten Menschen hat leider nicht in diesen Jahren einfach aufgehört und ist auch heute noch lange nicht vorbei", betont Josef Ströbl. Und dann fällt ihm doch noch etwas ein, was er für sich selbst tun könnte, um eine kleine Wiedergutmachung mit dem Geld zu bekommen. Vielleicht will er ein Fest feiern oder sich auf eine Tour - am besten wäre ein Kutschfahrt - zu den Stationen seiner Kindheit und seines Lebens machen.

Link zum Bericht zur Einreichung des Antrags von Josef Ströbl vom 13. Oktober 2017

Link zu Informationen zur Stiftung Anerkennung und Hilfe