Aus Integrationsfehlern lernen

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Jennifer Sonntag
Jennifer Sonntag
Bild: Jennifer Sonntag

Halle (kobinet) Das Projekt der Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag "stop.mobb.handicap" veranlasste zahlreiche Betroffene dazu, sich an sie zu wenden. Es zeigte sich, dass nicht nur Mobbing am Arbeitsplatz, sondern auch oder insbesondere Mobbing in der Schule, ein großes Thema ist. "Ich merke den Menschen an, dass sie mit ihrer unbearbeiteten Geschichte zurückgelassen wurden und dass sie kein befreites Leben führen, kein selbstbestimmtes", berichtet Jennifer Sonntag. Eine Geschichte hat sie daher in Form eines ausführlichen Interviews dokumentiert, das Jennifer Sonntag den kobinet-nachrichten zur Verfügung stellt.

"Die Arbeit habe ich mir gemacht, weil ich hoffe, hier kann man viele Denkanstöße für den bildungspolitischen Diskurs ableiten. Wir können aus den Integrationsfehlern lernen. Auch ist das mein Beitrag, mich in die Debatte einzubringen, da die Erfahrungen der Betroffenen Gold wert sind. Die Geschichte von Frau Feuerstein sehe ich als symbolisches Dokument für viele sehr ähnliche Fälle, die ich unmöglich alle aufzeigen kann", schrieb Jennifer Sonntag an die kobinet-nachrichten.

Aus Integrationsfehlern lernen

Interview von Jennifer Sonntag mit Dorothee Feuerstein

"Meine schlimmen Erfahrungen sollen keine Munition für Inklusionsgegner sein", sagt Dorothee Feuerstein. Die damals hochgradig sehbehinderte Integrationsschülerin war zum Mobbingopfer geworden und ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Ihre bewegenden Schilderungen beschreiben einen "Denkfehler", aus dem wir heute, bei der Gestaltung eines inklusiven Bildungssystems, lernen müssen. Auch sehen wir eine Gesellschaft, die für Menschen mit Behinderungen in ihrer Mitte noch wenig bereit war. Ist sie es heute und welche Rolle spielen psychosoziale Schutzfaktoren? Mir begegnete die fassettenreiche und inzwischen erblindete Frau, die immer ein Stück zu selbstkritisch ist, als Redaktionsmitglied der Sendung "Ohrenblicke" bei Radio Z und als eine der Protagonistinnen der Anthologie "Blinde Schönheit". Die diplomierte Übersetzerin schätzt das gelesene und geschriebene Wort und somit einigten wir uns auf ein ausführliches E-Mail-Interview.

Jennifer Sonntag: Frau Feuerstein, bevor wir uns zu diesem Interview verabredeten, hatten Sie ganz konkrete Wünsche und Hoffnungen, die Sie an die Veröffentlichung des Beitrages knüpften. Ich finde das als Vertreterin der Selbstbestimmung entscheidend und würde sie gern voranstellen.

Dorothee Feuerstein: Ja, mir war wichtig, dass Sie meinen Beitrag in Ihrem Projekt stop.mobb.handicap verwenden und veröffentlichen. Es geht zwar nicht um Mobbing am Arbeitsplatz, sondern um Mobbing in der Schule, aber ich finde es wichtig, dieses Thema ebenfalls anzupacken und es nicht immer als Hänseleien unter Schülern abzutun. Außerdem müssen wir aus "Integrationsfehlern" lernen, um es bei der Inklusion besser zu machen. Betroffene wissen, dass manche Integrationsversuche nicht so golden waren, wie sie dargestellt wurden. Ich möchte, dass registriert wird, wie schlimm diese Dinge waren und dass sie nicht nur als subjektive Empfindungen abgehakt werden. Dies soll aber unabhängig von meinen sonstigen persönlichen Eigenschaften, Merkmalen oder Fehlern gesehen werden, weil es auch anderen passiert ist und passieren kann. Es muss etwas dagegen getan werden, dass Mobbing immer noch so stiefmütterlich behandelt wird und nicht strafbar ist. Es kann nicht immer allein auf die Selbstbehauptung des Opfers ankommen, da es Menschen gibt, die sich weniger gut wehren können. Auch Institutionen sind verantwortlich. Das Kind ist nicht alleine für seinen Schutz zuständig! Es muss anerkannt werden, dass es sich um psychische Gewalt handelt. Dies sollte genauso behutsam behandelt werden, wie andere Traumata.

Ich möchte nicht, dass  es jeden nur kalt lässt, weil die Taten nicht spektakulär oder erschütternd genug waren.

Jennifer Sonntag: Integration war oft gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Nur wenn wir darüber reden, können wir etwas verbessern. Wie haben Sie Ihre Schulzeit als Integrationsschülerin erlebt?

Dorothee Feuerstein: Ich war in einem Gymnasium mit angeschlossenem Schülerheim. Dies war ein Pilotprojekt, bei dem sehbehinderte Kinder in eine normale Schule, also eine Regelschule, integriert wurden. Ich war eine der ersten Schülerinnen, die dies erlebte. Als ich dorthin kam, sagte mir der Heimleiter bereits, dass eine andere Schülerin vor mir schon da gewesen sei, die sei aber laut seiner Aussage so verzärtelt gewesen, dass ihre Mutter sie wieder herausgenommen hätte. Bald sollte ich  den wahren Grund für ihr Verlassen der Einrichtung erfahren.

Als ich dorthin kam, wurde ich beschimpft, man wollte nicht mit mir zusammen gesehen werden, ich hätte so komische Augen, und man hätte ja nichts gegen Blinde, aber warum denn gerade bei uns? Wenn ich durch unser Foyer lief, wurden mir Schimpfwörter hinterher gerufen. Man merkte schnell, dass mein Verhalten aufgrund zusätzlicher anderer Behinderungen, die sich erst später herausstellten, genug Angriffsfläche für Spott bot. So auch die Tatsache, dass ich lange in einer Sehbehindertenschule, also in einem Ghetto war. Die Leute merkten, dass ich hilflos war, warfen sich vor mir auf den Boden, sodass ich nicht weiter kam, stellten mir ein Bein, stellten sich absichtlich in den Weg, warfen meine Sachen herunter, drängten mich in eine Ecke und zwangen mich, mich auszuziehen, sonst würden sie es tun, ließen mich keine Minute in Ruhe, steckten mir Heringe ins Bett, hänselten mich beim Essen, weil ich nicht so schön und geschickt essen konnte, wie sehende Kinder – ich hatte auch einige Mängel in meinen Tischmanieren. Der Umstand, dass ich zuvor in einer Sehbehindertenschule war, in der es andere Gesetzmäßigkeiten gab, hat natürlich auch dazu beigetragen, dass ich viele Dinge, die sehende Kinder bereits mitbekommen haben, auf die harte Tour lernen musste. Die Kinder waren nicht sehr zimperlich in der Art ihrer Konfrontation.

In der Schule war es nicht besser, denn die Schüler untereinander erzählten sich von mir Dinge aus dem Internat und umgekehrt. Dort klebte man mir Zettel auf den Rücken, bei jeder Bemerkung, wenn ich mich meldete, wurde über mich getuschelt und gelacht, in der Pause war ich immer allein und mir wurden die übelsten Streiche gespielt.

Jennifer Sonntag: Gab es im Nachhinein Kontakt zu ehemaligen Klassenkammeraden? Mich würde interessieren, wie Ihre Mitschüler das heute bewerten.

Dorothee Feuerstein: Ein Klassenkamerad hatte sich damals weitaus weniger an den Mobbingaktionen beteiligt und hat diese auch manchmal im Unterricht angesprochen. Er war auch einer der wenigen, der mir seine Meinung selbst direkt und freundlich sagte. Er machte sich wirklich Gedanken um mich und schrieb mir später die folgenden Schilderungen aus seiner Sicht:

"Zunächst einmal kann ich mich erinnern, dass es besonders in der 5. und 6. Klasse immer wieder zu moderierten Gesprächen zwischen dem Klassenleiter und den Schülern kam. Es ging darum, Dich vor allem in der Pause stärker zu integrieren. Das hielt ich damals schon für vollkommenen Unfug, weil wir immer Fangen gespielt haben. Einige Schüler haben das ausgenutzt und Dich in das Fangenspiel integriert, was natürlich lediglich deren Belustigung über Deine Hilflosigkeit gedient hat.

Genauso hast Du meistens in der ersten Reihe ohne Tischnachbarn gesessen. Der Platz neben Dir war meist frei und wurde von den Lehrern als, ich sage mal Strafbank, genutzt. Wer also was angestellt hatte, musste sich da hin setzen, während die Schüler noch grölten‚ 'ab auf die Strafbank zur Smottle'. In dem Zusammenhang fällt mir auch der Spitzname wieder ein. Ich wusste aber nie, wie er entstanden ist. Jedenfalls, spätestens nach dem Grölen der Schüler, hätten es die Lehrer erkennen müssen und es nicht weiter als 'Bestrafung' verwenden dürfen.

Was die Lehrer anbelangt, habe ich aus heutiger Sicht den Eindruck, dass Sie überhaupt nicht dafür ausgebildet und vollkommen überfordert waren. War es nicht ein Modellversuch, behinderte Kinder zu integrieren? Es gab doch noch 2 oder 3 andere sehbehinderte Kinder oder? Den Versuch würde ich aber jedenfalls als gescheitert einstufen.

Woran ich mich auch erinnern kann, dass immer nur Du im Sexualkunde Unterricht vom Biolehrer abgefragt wurdest. Dies hat auch zur Belustigung der ganzen Klasse beigetragen, weil es natürlich jedem peinlich war. Auch hier ein Beispiel für das mangelnde Feingefühl der Lehrkräfte.

Im Physikunterricht in der 8. hat Dir mal jemand eine Tube Uhu auf dem Sitz ausgedrückt und Du hast Deine Kleidung und Haare damit ruiniert. Normalerweise wurden die Untaten von den Jungs durchgeführt. In diesem Fall war es ein Mädchen. Sie hatte, glaube ich, eine Wette verloren und das war der Einsatz.

Du hattest mal eine Zeit lang einen Schlüsselanhänger, der auf ein Pfeifsignal gepiepst hat. Wochenlang haben die Jungs in der Klasse während des Unterrichts gepfiffen, damit der Schlüsselalarm losgeht. Das hat Dich fast an den Rand des Wahnsinns gebracht. Du hast Dir damals immer sehr heftig in die Hand gebissen, wenn was nicht geklappt hat. Das war Deine Reaktion auf das Pfeifen und das wollten die Schüler provozieren. Das Beißen in Deine Hand hast Du auch gemacht, wenn Du was nicht konntest oder was nicht wusstest, zum Beispiel in Klausuren oder bei mündlichen Abfragen.

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts über das Dritte Reich, ging es um Euthanasie. Hier waren einige Schüler der Meinung, dass Du heute noch mal Glück gehabt hast. Es gab Parolen und Tafelschmierereien mit ‚Smottle ins KZ'. Und die Lehrer haben es auch gelesen und nicht gehandelt! Dann gab es noch die Aktion mit der Blindenbinde, die Dir einer geklaut hat, weil sie ein anderer, in einer höheren Klasse kaufen wollte. Und ich erinnere mich, dass Dir mal jemand den Stuhl entfernt hat, den Du dann suchen musstest."

Zunächst hatte er Bedenken, mir dies alles zu schreiben, da er fürchtete, mich damit zu verletzen. Aber ich war erleichtert, denn es half mir dabei, hinter die Aktionen der anderen zu schauen. Ich hatte mich immer in Frage gestellt und nicht gewusst, warum Situationen für mich so blamabel oder peinlich waren. Auch zeigte es, dass ich mir diese ablehnende Grundhaltung  nicht nur eingebildet hatte, wie mir das ja immer von Erwachsenen eingeredet wurde, sondern dass es durchaus auch anderen aufgefallen war.

Jennifer Sonntag: In welchen Situationen wurden die Absichten der Integration konkret sichtbar und wie wirkten sie sich für Sie aus?

Dorothee Feuerstein: Es gab immer wieder Bemühungen. Im Internat wurde ich zur "Stocksprecherin" gewählt, was Erwähnung in der Zeitung fand, als man über dieses Integrationsprojekt schrieb, sozusagen als Beweis für dessen Erfolg. Allerdings sagte mir eine Mitschülerin auf den Kopf zu, wir wollen Dich, weil Du sehbehindert bist und weil Du so viele Ausnahmen kriegst, dann springt da für uns auch was dabei raus. Ich durfte zum Beispiel als Sehbehinderte einen Kassettenrekorder haben, der für alle anderen verboten war, weil wir ja doch nicht so viele andere Dinge tun konnten, wie sehende Kinder. Und ich bekam an Tagen mit Eintopf und Mehlspeisen den Suppenteller an den Tisch gebracht, weil ich ihn nicht an dem Gedränge vorbei gerade halten konnte, ohne das meiste zu verschütten. Bei Klassenarbeiten bekam ich Zeitverlängerungen. Diese Ausnahmen und Privilegien wurden mir leider sehr häufig von den anderen übel genommen. Positives, auch gute Noten, wurden mir negativ ausgelegt. Ich kann mich noch daran erinnern, dass man mich einmal aus Spaß zur Klassensprecherin wählte, um sich einen Scherz daraus zu machen. Ein Mädchen sagte dann, sie würde sich lieber erschießen, das sei doch nur ein Spaß gewesen, man habe sich abgesprochen. Ich hatte auch nur eine einzige Freundin. Die musste aber wegen psychischer Probleme das Internat verlassen.

Man hatte mir auch gesagt, dass ein Sehbehinderter für drei normalsehende Schüler gerechnet wurde und man hat damals die Klassen bewusst klein gehalten, wir waren nur 23 Schüler. Es waren Gelder für Großdruck bereitgehalten worden. Die Lehrer fragten zu Beginn immer, wer sehbehindert sei und ob sie größer schreiben müssten. Erst später zeigte sich, dass große Schrift nicht bei jeder Sehbehinderung hilfreich ist, wie in meinem Fall, und die Integration Sehbehinderter sich nicht einzig auf große Buchstaben beschränken darf.

Es gab auch eine Lehrerin, die extra für Sehbehindertenbelange in dieser Schule beauftragt wurde. Wir konnten hingehen, wenn es ein Problem gab. Zusätzlich wurde damals im Internat eine Erzieherin für sehbehinderte Schüler eingestellt. Sie ließ auch die anderen einmal unter der Augenbinde agieren. Da diese Erzieherin aber zu "progressiv" ankam, wurde sie wieder entlassen. Eine ältere Erzieherin folgte, eine Bekannte des Direktors. Ihr fehlte die nötige pädagogische Ausbildung. Sie hatte im Dritten Reich in einer Hauswirtschaftsschule gelernt, war ein mütterlicher Typ, war aber mit vielen Problemen, die wir sehbehinderten Kinder mit der Integration hatten, komplett überfordert.

Alle Versuche, meine Situation zu verbessern, scheiterten am Ende, auch wenn vereinzelt guter Wille sichtbar war. Das Klima verbesserte sich dadurch nicht. Ich bekam damals Essstörungen und meine Psyche erlitt Schäden. Ich musste in eine psychosomatische Klinik. Wenn ich zu den Lehrern oder zu meinen Eltern ging, um mich zu beschweren, hieß es, ich würde mir all dies nur einbilden. Noch heute bin ich traumatisiert, da ich so häufig meine Wahrnehmung abgesprochen bekam, dass ich  meinen Empfindungen und Gefühlen nicht mehr trauen konnte. Bis heute habe ich damit zu kämpfen.

Jennifer Sonntag: Sie sprechen Ihre Eltern an. Welche Rolle spielten Ihre Familie oder andere Schutzfaktoren bei der Integrationsfrage?

Dorothee Feuerstein: Während der besagten Jahre steckte ich von morgens bis abends in dieser Situation und konnte nachmittags nicht in einem schützenden Elternhaus Zuflucht finden. Ich nahm das mit ins Bett und stand damit wieder auf. Nachts schlief ich mit denen in einem Zimmer, die mich pausenlos schikanierten. Es gab kein Ausweichen. Die Schule konnte ich innerhalb dieses Integrationsprojekts nicht wechseln und musste bleiben. Daher bin ich heute so leidenschaftlich für das Wunsch- und Wahlrecht. Ich habe damals keine andere Chance bekommen. Das lag daran, dass ein Schulwechsel vom Bezirk nicht allein wegen psychosozialer Probleme bezahlt wurde, sondern nur ein Notenabfall als triftiger Grund gezählt hätte. Außerdem behauptete mein Direktor, in Marburg, einer Förderschule, würde ich überbehütet werden und ich solle doch bei ihm in der "goldenen Freiheit" bleiben. So golden war sie leider nicht.

Aber ich war mal in einem Ferienlager, wo ich mit den meisten der Mädchen gut auskam. Ich schloss sogar längerfristige  Freundschaften, die zum Teil als Brieffreundschaften erhalten blieben. Da habe ich gesehen, dass ich nicht immer nur verkehrt bin. Auch das eine Jahr in Amerika nach meinem Abitur, unter lauter Blinden, 30 Leute aus 15 Ländern, da war ich voll integriert. Klar wird jeder einmal geneckt, aber das ist nicht vergleichbar mit systematischem Mobbing.

In meiner Familie erlebte ich wenig Rückhalt. Außerhalb meiner Familie lernte ich erst mit 18 eine echte Busenfreundin kennen. Meine Schwester und deren Freunde zeigten mir oft deutlich, dass sie mich nicht dabei haben wollten. Somit habe ich mich gerade in der Pubertät in allen Kreisen alleine gefühlt. Von meinen Eltern hätte ich gern gehört, dass das, was mir in der Schule passierte, nicht in Ordnung war. Stattdessen sagte man mir, es würde stark machen, da lerne man, sich durchzubeißen. Ich wurde nicht in meinen Rechten gestärkt, die Situation wurde bagatellisiert, so nach dem Motto: "Dann wehr Dich eben, selbst schuld, Du musst Dir das ja nicht gefallen lassen!" Dass ich das allein nicht bewältigen konnte, wurde ignoriert. Ich hätte mir gewünscht, dass sich meine Leute für mich einsetzen und sagen: "Du bist OK, niemand darf Dich so behandeln, an Deiner Stelle wäre ich auch wütend!" Das erklärt vielleicht den Grund, warum andere leichter aus so einer Sache herausgekommen sind. Es erfordert auch immer äußere Schutzfaktoren, gestärkt oder eben geschwächt aus einer Mobbingsituation hervortreten zu können. Mir standen weniger Ressourcen zur Verfügung, aus denen ich meine Kraft hätte entwickeln können.

Heute weiß ich, welche große Rolle die Sozialisation eines Kindes mit Behinderung insgesamt spielt.

So hat man beispielsweise den Schülern in Marburg die notwendigen Freiheiten gelassen, weil man wusste, was  Sehgeschädigte können. Das ist für mich ein Argument für Förderschulen, denn die Schüler haben zwar im Schutz der Förderschule die Möglichkeiten, sich untereinander zu messen und sich gegenseitig Bewältigungsstrategien zu vermitteln, aber sie können sich auch außerhalb der Schule einen (sehenden) Freundeskreis aufbauen. Mir ist wichtig, dass meine negativen Erfahrungen nicht als Beweis für das Scheitern der Inklusion herangezogen werden, daher mein leidenschaftliches Plädoyer für die Wahlfreiheit zwischen Förderschule und Regelschule. Meine Ausführungen sollen nicht von Inklusionsgegnern als Munition gegen die Inklusion instrumentalisiert werden. Diesen Fehler hat meine Familie gemacht und die falschen Schlüsse aus meiner damaligen Situation gezogen. Dem Mobbing in der Schule wurde immer nur dann Raum gegeben, wenn es als Beweis dafür diente, dass Integration/Inklusion nicht funktionieren kann. Viel interessanter ist doch, warum es nicht funktioniert hat und was man zukünftig besser machen könnte. Sicher habe man etwas von meinen Qualen gemerkt, wollte mich aber in meinem Leid nicht noch bestärken. Allerdings hat gerade das mein Leid verstärkt und ich halte dieses Herangehen heute für eine pädagogische Ausrede, für die Hilflosigkeit und die fehlenden Möglichkeiten damals, adäquat zu intervenieren. Von den Psychologen hätte ich mir gewünscht, mehr Schutz und Begleitung zu erfahren und aufgefangen zu werden. Stattdessen ging es darum, dass ich mich "bessern" sollte.

Empfehlen möchte ich das Buch von Pamela Pabst, einer blinden Rechtsanwältin, die in ihrer Schulzeit ebenfalls in einer Regelschule Ablehnung und Mobbing erfuhr und sich nun bewusst in ihrem Beruf den Themen Recht und Unrecht stellt. Ihre Eltern standen auf all ihren Wegen stets hinter ihr. Ebenfalls aufmerksam machen möchte ich in diesem Zusammenhang auf den Film "Unter Sehenden" von Bernd Sahling.

Jennifer Sonntag: Was Sie ganz klar nicht sind, und diesen Aspekt möchte ich gern aufgreifen, Sie sind keine Inklusionsgegnerin. Sie selbst würden die Inklusion trotz Ihrer Erfahrungen also nicht in Frage stellen?

Dorothee Feuerstein: Viele instrumentalisieren mein Beispiel, um zu beweisen, wie problematisch doch die Inklusion ist, anstatt betroffen über die damaligen Integrationsfehler zu sein. Das machen übrigens auch Blindenpädagogen und blinde Menschen selbst, die mit meinen Schilderungen die Unmöglichkeit der Inklusion belegen wollen. Das möchte ich verhindern. Ich bin nur der Meinung, ein Mensch mit Behinderung sollte generell wählen können, wo er leben und lernen möchte, das sollte nach beiden Richtungen offen sein. Deshalb bin ich für ein Wunsch- und Wahlrecht.

Manchmal kann es ein großer Kraftquell sein, wenn Schüler mit Behinderungen gemeinsam aktiv sind. Sie können voneinander lernen, sich austauschen und sich auch mal an ihresgleichen messen. Auch müssen blinde Kinder zum Beispiel die Punktschrift erlernen und brauchen die nötige Zeit dazu. Warum sollen sie nicht auch mal unter sich bleiben dürfen, wenn sie das wollen? Ein Problem sind hier sicher die negativen behinderungsbedingten Angewohnheiten, die man sich voneinander "abschaut". Ist aber der ausschließliche Umgang mit vermeintlich "normalen" Menschen denn immer erstrebenswert und was ist überhaupt normal? Manchmal wirkt das so, als sei das Zusammensein mit Menschen mit Behinderungen nicht genug, als seien sie nicht genug. Jeder sollte wählen können, mit welchen Menschen er sich umgeben möchte. Es ist vielleicht gar nicht das erklärte Ziel eines jeden, sich permanent mit möglichst vielen nicht behinderten Menschen zu umgeben, sondern eben einfach mit Menschen. Hier würde ja sonst eine gewisse Wertigkeit getroffen. Jeder darf sich den Schutz und den Platz suchen und nehmen, den er oder sie möchte.

Entscheidend ist immer die Frage, wie offen eine Gesellschaft schon für die Inklusion ist, ob Vielfalt wirklich schon gelebt wird und ob die Potenziale von Menschen mit Behinderungen respektiert werden. Inklusion meint eben nicht Integration. Die Ansätze sind professioneller geworden, als bei den Integrationsversuchen in der Vergangenheit. Außerdem hat man heute mehr Möglichkeiten, auch atypische Behinderungen und Kombinationen von Behinderungsformen (Wahrnehmungsstörungen, emotionale Entwicklungsprobleme, ADHS und Autismus) zu erkennen und adäquate Maßnahmen einzuleiten. Bei der Integration hörte ich häufig den Satz: "Schließlich willst Du ja integriert werden, also musst Du auf die anderen zugehen, die anderen brauchen Dich nicht, Du brauchst die anderen, die können auch ohne Dich, Du möchtest aber was von denen." Es war eher unüblich, dass die anderen auch etwas veränderten, ihr Verhalten überprüften und dazulernten, sich auch den Gegebenheiten anpassten. Es hieß eben: "Wenn du dazu gehören willst, musst allein du dich ändern, denn du bist nicht in Ordnung." Durch den heutigen Paradigmenwechsel, wenn er auch noch nicht wirklich in Gänze vollzogen wurde, ist jedenfalls in der Theorie schon klar, dass alle Seiten aufeinander zugehen müssen. Eine Gesellschaft besteht aus behinderten und nicht behinderten Menschen. Dies ist einfach von vornherein so einzuplanen. Hätte es diese Sichtweise damals schon gegeben, wäre die Integrationslast nicht so stark auf das behinderte Kind abgewälzt worden, wie leider oft geschehen. Die Mängel der anderen Seite, die Hürden eines noch nicht bereiten Systems, wären vielleicht eher zugegeben worden. Auch wenn man ehrlicherweise sagen muss, dass es in Sachen Inklusion auch heute noch viel zu tun gibt, ist die Haltung einem solchen Kind gegenüber eine andere, als die, die man uns Integrationskindern entgegenbrachte. Die Verantwortung bliebe dann nicht allein beim Kind, sondern auch bei der Gesellschaft. Heute haben wir einen anderen Ansatz, der einem von Mobbing betroffenen Kind eine andere Position zuschreibt.

Jennifer Sonntag: Sie möchten kein Politikum aus ihrem "Schicksal" machen. Es ist in erster Linie ein Schicksal der Gewalt  an einem Menschen und zeigt die Auswirkungen auf ihn. Ihre Geschichte, Ihr Werdegang und die Frau, die Sie dadurch geworden sind, bewegt und berührt uns. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Unterstützung Mobbingbetroffener, also um die Würdigung, Aufarbeitung und Nachsorge?

Dorothee Feuerstein: Was bleibt ist der Mangel an Aufarbeitungsmöglichkeiten für das Individuum, der Kampf um Anerkennung eines Traumas, die fehlende Nachsorge. Wir benötigen eine Unterstützung, wie sie bei Opfern  anderer Formen von Gewalt mittlerweile bereits ganz gut im Aufbau ist. Es gibt die Stiftung "Anerkennung und Hilfe", die aber solche Formen seelischer Gewalt nicht abdeckt. Bei dieser Stiftung geht es um Kinder und Jugendliche, die im Westen bis 1975 und im Osten  bis 1990 in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder in der Psychiatrie Leid und Unrecht in Form körperlicher oder sexueller Gewalt erfahren haben, nicht um Mobbing in Schulen für Integration und dort verübte seelische Grausamkeiten. Sämtliche Gewaltformen finden wir in allen Schulformen und sie müssen auch heute im Blick behalten werden.

Ich habe noch keine Distanz zu dem was damals passierte, weil es lange Zeit überhaupt nicht als Mobbing mit Traumafolge anerkannt wurde. Der Schlussstrich unter dieses Thema ist das von außen geforderte Endziel einer Entwicklung. Man springt sehr schnell auf dieses Ziel los, ohne die berechtigten Wünsche der Betroffenen nach Würdigung und emotionaler Aufarbeitung zu sehen. Der nicht Aufgearbeitete bleibt dann in seiner Wunde stecken. Der erste wichtige Schritt war für mich die Anerkennung meiner damaligen Lage und die Entlastung von meiner angeblichen Schuld. Das war eine jahrelange Odyssee. Im zweiten Schritt möchte ich den Schmerz überhaupt erstmal hochkommen lassen und zulassen dürfen. Im dritten und letzten Schritt kann ich vielleicht irgendwann loslassen und somit einen Abstand gewinnen. Mit Schritt drei bin ich bisher noch überfordert. Dazu wäre erstmal Schritt zwei notwendig, der mir die Aufarbeitung und Würdigung in geschützter Atmosphäre  ermöglicht, ohne den Druck und den Anspruch von außen, doch endlich mal loszulassen. Das wäre ein schönes Ziel.

Jennifer Sonntag: Wir müssen hinschauen, das wünsche ich mir von uns allen, und wir brauchen Möglichkeiten der Würdigung und Aufarbeitung für Mobbingbetroffene. Frau Feuerstein, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Interview, welches ich aufgrund der vielen Denkanstöße auch als Impulsgeber für fachliche Diskurse vorschlagen möchte.

Links zu weiteren Beiträgen der Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag

Wenn Inklusion schief läuft - Mobbing in der Schule

Ausnahmsweise Teilhabe?

An mehr Barrierefreiheit wird gearbeitet

Wenn die "me-too"-Debatte umschlägt

Arbeitsmaterial zum Mobbing behinderter Menschen

Da wird man ja "irre" - Patientinnen zweiter Klasse

Inklusion trifft Depression

Behinderung und Mobbing - Kooperationspartner gesucht

Kopien und Abziehbilder gibt es schon genug

Hinter den sieben Bergen

Wir kämpfen für selbstbestimmtes Radeln

Literatur mit Laufmaschen

Jennifer Sonntag denkt nicht in Bildschirm

Den Blindenstock salonfähig machen

Zum Mitschreiben - was gut und richtig für uns ist

Auf der Suche nach barrierefreien Klinikstandards

Inklusionspatenschaften am Schauspiel Leipzig